Tobias' Gedanken

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Mediengemauschel

Wer im Schlachthaus sitzt, sollte nicht mit Tofu werfen...

Die tatsächlich interessanteste Neuigkeit zuerst: Frank Plasberg hat eine neue Brille.

Sodann: Das Thema ist mittelmäßig relevant und vor allem - die Diskussionlage ist grauslich. Denn hier geht alles kunterbunt - und vor allem: Es mangelt an wirklichen Argumenten. Und an Diskussionkultur. Es ist ein Emotionsthema - und hat mit einer wirklichen Diskussion nicht viel zu tun. Es geht um den Umgang mit TIeren - festgemacht an der Unterscheidung von Vegetarieren und Fleischessern. Man hätte auch über Kinderpornos oder Mohammedkarikturen diskutieren können - die Emotionalschwelle ist so hoch, dass eine gescheite Diskussion kaum stattfinden kann. Obwohl es wunderbare Ansätze dazu gegeben hat.

Karl-Heinz Funke ist Landwirt und trennt säuberlich zwischen Haustieren und Nutztieren. Barbara Rüttings erste Frage an ihn ist "Würden Sie Ihren Hund denn auch essen?" Und Funke verweist auf seine gerade erst getroffene Unterscheidung. "Sie haben zu ihrer Silberhochzeit dann auch Gänse geschossen für ihre Frau?" legt sie nach. Nein, hat er nicht - aber seine Antwort ist nicht so entlarvend, wie ihr "Nicht? ... Hm.", das im Subext etwas beledigtes hat. Was sie übersieht ist Funkes konsequente Haltung: Er isst Fleisch, er ist Landwirt - und wenn er Gänse schießen könnte, würde er genau diese danach auch mit großem Genuß essen. Von Massenschlachtungen über den eigenen Bedarf hinweg hält er nichts. Seine Frau besitzt trotzden keinen Pelzmantel.

Wenn Sie das aber hören würde, würde Barbara Rütting ihr Feindbild wegbröckeln. Also hmm-t sie lieber vor sich hin. Und stellt fest: "Sie sind ja auch... ich hab ja vergessen wie das heißt... also dass Sie junge Rehe... also Damwild schießen..." Verkürzt gesagt, sie glaubt zu wissen, dass er im Verband junge Rehe schießt und glaubt deren Genuß würde schlanker machen. "Die essen Sie dann anscheinend nicht, oder?" fragt sie suggestiv und ihre Stimme mischt die Charakteristika von Sozialpädagogin und Telefonsex nur begrenzt vorteilhaft. Und doch macht es Sinn: Denn sie klingt nicht nur nach Oberlehrerein, sondern ist dabei auch noch etwas: unverschämt.

Und ich beginne zu grübeln, welcher Kabarettist schon vor Jahren auf ihre eigene Rezeptsammlung verwies und sagte "Es schmeckt überhaupt nicht. Aber wenn Sie aussehen wollen, wie Barbara Rütting, dann müssen Sie da durch!" - Ich stelle fest, dass Sie inzwischen ihrem Nachnamen immer mehr Ehre macht - und dabei aussieht wie ein würdig ergrautes Legomännchen. Die pointierte Frage von damals taucht wieder auf: Will ich mich wirklich so ernähren wie sie, um dann so auszusehen wie sie?

Funke ist recht charmant, verweist selber nochmal darauf, dass er wohl kaum als Vorzeigmodell für eine Schlankheitskur dienen könnte, versucht es dann dezent und stellt im Nebensatz in Frage, wer denn hier eigentlich die Fragen stellen und wer Antworten geben soll - und Frau Rütting schießt gekonnt aus der Hüfte "Ich sollte doch antworten." - Ja, genau. Auf die Frage von Plasberg, bei der sie sich sofort zu Funke drehte und ihn mit Fragen bombardierte.

Plötzlich lenkt sie ein - Nein, sie kritisiert ja gar nicht Herrn Funke persönlich - sie haben einfach nur verschiedene Ansichten - und ihr gefallen Menschen besser, die eine Antilope retten und sich dafür notfalls den Kopf abschlagen lassen. "Das ist auch eine Art zu leben" sagt sie, und ein anderer bemerkt trocken "Aber nicht lange. Wenn der Kopf ab ist." Es ist unglaublich - aber obwohl ich sonst sehr pazifistische Züge habe, wünschte ich mir, man würde ihr mitteilen, dass im Nebenraum gerade eine Antilope geschlachtet werden soll, um zu sehen, wie weit sie geht. Entweder sie entlarvt ihre Ideologie als reine Kopfgeburt - oder aber es wäre wenigsten endlich Ruhe im Studio.

Imerhin - sie ist 83. Und trat aus der Parte der Grünen aus, weil Renate Künast geangelt hat. So erzählte sie es zumindest bei Sandra Maischberger. An anderer Stelle heißt es "aus gesundheitlichen Gründen". Und wenn man das zusammenfügt, dann passts ja auch wieder.

Mark Benecke, Kriminalbiologe spricht von "Leichenscheiben" - und ist komischer als die meisten mitbekommen. Denn auch wenn er noch nie wirklich Fleisch mochte, ist er nach einem besonders grausigen Fall auf dem Seziertisch zum Vegetarier geworden. Was logischer klingt, als es ist. Denn ich kenne durchaus Pathologen, die mit besonderem Genuß Fleisch zu essen scheinen - und frage mich zugleich, warum er sich dann gerade diesen Beruf ausgesucht hat.

Manfred Breukmann möchte sein Essverhalten nicht nur auf die Bratwurst reduziert sehen - und hat einen entscheidenden Punkt: Er möchte sich für sein Fleischessen genausowenig rechtfertigen müssen, wie er das von einem Vegetarier verlangen würde. Und findet den Sprachgebrauch ("Massenmord" und Bezüge zum Holocaust) bedenklich. Und sagt: "Wenn Sie Menschen überzeugen möchten, dann dürfen Sie denen doch nicht gleich vor den Kopf schlagen."

Und dann soll da Jürgen Abraham, selber Fleischproduzent, den Unterschied zwischen Vegetariern und Veganern erklären. Er sagt "Vetarier essen Pflanzen und Veganer essen nur noch Körner" - und Barbara Rütting korrigiert: "Vegetarier essen nichts vom toten Tier, Veganer auch nichts vom lebenden Tier." Oder wie wir imer sagten: Veganer esse nichts, was nicht selbst vom Baum fällt oder noch einen Schatten wirft... - Und mich verblüfft in ihrer Aufzählung von Honig in dem Kontext. Schmerzt es die Biene, wenn ich ihr das Töpfchen klaue? Sterben in Bienenstöcken Bienen, weil nicht genug Honig für alle da ist? Mag sein - aber dann aber wird das mit den Haustieren auch ein schwieriges Kapitel...

Und dann wünscht sich Sarah Wiener, dass Tiere mit Liebe und Aufmerksamkeit "verarbeitet" werden - und ihr Nebenmann wirft gar nocht "Respekt" in die Liste. Und sie nennt als Kriterium die Fragen: "Wie hat dieses Tier gelebt, wie ist es aufgewachsen? Wie ist es geschlachtet geworden? (sic!), Wie ist es zu Tode gekommen? Was hat es überhaupt für ein Leben gehabt?" - und ich frag mich: Also Biographiearbeit als Qualitätsgarant? Stolpersteine vor der Metzgerei? Artgerechte Haltung - aber bitte ohne Namen, weils ausgerechnet mit denen erst so richtig schwer fällt sie zu töten?

Frau Rütting hakt nach: Sarah Wiener hat doch "Kinder mitgenommen - zum Schlachten" (also... zum Zuschauen) und das wäre doch sehr glimpflich abgelaufen. Sie kennt da eine Studie aus Amerika, wo die Kinder zusammengebrochen sind, sich übergeben haben und zum Psychiater mußten. Das wäre dann doch eigentlich die "normale Reaktion" und fügt, als sie den Widerspruch schon fühlen kann, an: "Ich wünschte es mir jedenfalls." Was Blödsinn ist. Es gibt Dinge, die muß ein Kind nicht in jüngsten Jahren sehen. Ich hab mir sagen lassen, dass auch glückliche Geburten schon für Erwachsene verstörend sein können. Ich hab ja bei der Geburt meiner Schwester auch nicht deren Nabelschnur durchgebissen. Und selbst wenn - hätte mich das so sehr traumatisieren sollen, dass ich selber keine Kinder haben will? Herr Funke erklärt hierzu (auf mir sehr sympathische Weise), dass heutzutage Kinder in einer sehr theoretisierten Welt aufwachsen, und vieles nicht mehr "in echt" kennen. Er erzählt, dass er als Kind eigene Kaninchen hatte, die er nicht nur füttern, sondern später auch selber schlachten mußte. Das ist für mich dann aber auch konsequent.

Nun kommt das Glanzargument von Barbara Rütting: Sie hat in sovielen Fällen, mit denen sie sich "eingehend beschäftigt" hat, beobachtet, dass Mörder immer mit Tierquälerei und -tötungen begonnen haben. Und ich beschließe nun doch, das mit der Kinderplanung zu streichen. Man hört ja auch immer häufiger von Vergewaltigern, die tatsächlich einmal mit Sex angefangen haben.

Sarah Wiener sagt: "Man kann ja nicht sagen 'Ich will das nicht sehen, diesen Schlachtvorgang.' und trotzdem weiter Tiere essen." - Doch. Kann man. Problemlos. Weil: Machen ja zur Zeit alle. Wird aber noch übertroffen vom Argument von Jürgen Abraham "Wir dürfen Tiere schlachten - die Bischofskonferenz hat das ja 1980 nochmal festgestellt." Natürlich ist das schwer zu verkaufen.

Kommt Herr Funke wieder dran - und fasziniert mich durch die seltene Kombination von historischem Bewußtsein (nicht nur weil er Homer zitiert) über die Entwicklung von Tierhaltung und einer Bereitschaft zur Selbstkritik und -infragestellung. Er arbeitet als Landwirt mit Naturschützern zusammen, und kommt zu dem Ergebnis "Ich bin mir nie sicher, ob das was wir zur Zeit tun, wirklich das Beste für das Tier ist - weil wir regelmäßig neue Erkentnisse haben." Und wettert "Aber einfach so zu tun, als sei das früher gut gewesen..." - Und damit hat er vermutlich recht.

Und Manfred Breukmann verweist darauf, dass es sich in weiten Strecken um eine Luxusdebatte handelt. Und sagt den großartig ehrlichen Satz "Wir können uns das leisten." - aber ein Rentnerpärchen oder eine Sozialhilfefamilie eben nicht.

Und nun? Stimmt - es war zu lange ruhig. "Da muß ich jetzt aber wirklich mal antworten!" tönt es von der Seite, obwohl keiner etwas gefragt hat - und Frank Plasberg nimmt dann gnädig Frau Rütting dran. Lerne: Barbara Rütting hat das Konzept von Frage und Antwort immer noch nicht begriffen. Und alleine hier wirds schon wieder haarsträubend: Sie verweist darauf, dass nun zwei Vegetarier gegen vier Fleischesser argumentieren und somit auch weniger Redezeit hätten. (Breuckmann wirft trocken ein: "Für wieviel Prozent der Bevölkerung stehen sie?") Plasberg säuselt freundlich: "Wenn Sie jetzt etwas zum Thema...?" - Ja natürlich, aber vorher muß sie das hier... und erklärt dann wie die zehn Gebote eigentlich gemeint waren. Und schon ihr "Du sollst nicht TÖ-ten" hätt ich gerne als Klingelton... Dumm nur, dass sie zu spezifisch wird. Denn als Herr Funke sagt "'Du sollst nicht töten' - ich nehme an, Sie beziehen sich auf die Bibel..." korrigiert sie (unnötig) mit erhobenem Zeigefinger und ebensolchem Zäpfchen: "Auf JE-sus" - (und ich wünsch mir den nächsten Klingelton) - was zwar nicht gänzlich falsch ist - aber "Du sollst nicht töten" steht so wörtlich wo? In den zehn Ge-BO-ten. Die bekommt wer? MO-ses. ... Und der ist bekanntlich im ersten, also Alten Testament zu finden. Auch Bibel - aber eben nicht bei Jesus. Herr Funke läßt mich freudigst auf dem Stühlchen hüpfen, denn er läuft als durchaus versierter Spontantheologen zu beeindruckender Größe auf. "Dann verstehe ich das Gleichnis vom verlorenen Sohn nicht, wo der Vater vor lauter Freude über die Rückkehr des Sohnes einen ganzen Ochsen schlachten läßt." Und er kann dieses Mahl auch noch historisch als "für damalige Verhältnisse gewaltigst" einordnen.Frau Rütting guckt derweil, als hätt's ihr das Gemüse verhagelt.

Mark Benecke übrigens versteht nicht, wieso die "drei Herren" sich auf Religion und das Grundgesetz berufen. - Die tun das aber nur, weil a) Frank Plasberg nach der Legitimation fragte und b) Barbara Rütting diejenige war, die mit der Bibel anfing. Benecke aber sagt "Frau Rütting ist doch nur eine Dame, die auf ganz ruhige Weise hier ein freundliches Menschenbild verbreiten will." Auf ruhige Weise? - Das hab ich bis dato nicht mitbekommen. - Muß am Formaldehyd liegen...

Und Funke fasst seine Position zusammen: "Ich möchte, dass jeder Mensch so oft Fleisch essen kann, wie er möchte." Und man sollte meinen das sei ein kleinstmöglicher Nenner. Ist aber nicht. Denn...

Jetzt kommt der unerwartete Clou zum Showdown: Als sich Sarah Wiener und Jürgen Abraham in die Haare bekommen - will Mark Benecke gehen, Frank Plasberg versucht ihn aufzuhalten (so macht man das bei den öffentlich-rechtlichen, löblich) und Barbara Rütting krächzt empört: "Ich komm doch nicht zu Wort, wenn da vier reden!"

Und keine Minute später hör ich Plasberg aus dem Off "Frau Rütting, setzen Sie sich doch hin..." und eine weitere Minute später reicht sie ihm dann eine Kopie mit einem relvanten Artikel herüber. Plasberg nimmt ihn geschickt an sich, legt ihn aber dankend beiseite, weil er natürlich selber seine Hausaufgaben gemacht und die Sendung im Team vorbereitet hat.

Jürgen Abrahams bleibt -angesichts der Situation- weiterhin erstaunlich ruhig, nicht nur in der Stimmlage, sondern auch in seinen Argumenten - und verweist auf die geltende deutsche Rechtslage und deren demokratische Grundlage. Plasberg hakt bei Barbara Rütting nach. Und die beginnt ihren Monolog mit dem erstaunlichen Satz "Ich bin hier nicht missionarisch unterwegs." und beendet ihn mit "Dann können wir auch Leute essen."

Das Abstruse an der ganzen Sendung ist, dass von angeblich ziviliserter und aufgeklärter Menschheit fast gar nichts zu bemerken war. Leiche Pluspunkte in meiner Wahrnehmung konnten tatsächlich die fleischessenden Männer (Abrahams, Breuckmann und Funke) für sich einfahren, vor allem Herr Funke durch seine verblüffende Allgemeinbildung, die man ihm im ersten Moment nicht zugetraut hätte. Herr Benecke wirkte seltsam und ungewohnt fehl am Platz, Frau Wiener konnte die Emotionen nicht zügeln - und Frau Rütting... ach Gott, Frau Rütting. Die hätte abstruserweise ganz fabelhaft mit Herrn Abrahams zusammengepasst - beide mit diesem leicht sauertöpfischen Zug um die von der Welt zu oft enttäuschten Mundwinkel. Und somit tun sich die beiden Extrempositionen tatsächlich nichts.

Die Pointe an der ganzen Geschichte: Ich bin seit knapp 25 Jahren Vegetarier - und schrieb da vor über zehn Jahren einen Lesebrief für die Jugendseite der Klever Rheinischen Post drüber, der eine kurze 'Karriere' in der "Grenzland Post" startete. Damals wehrte ich mich gegen einen allzu einseitigen Artikel über Kampfvegetarier. Und heute sitze ich hier und mein Herz schlägt mit den braven Landwirten und Schinkenproduzenten. Weil die am ehesten an einer akzeptablen Diskussion interessiert schienen, und mich von nichts überzeugen wollten.

Denn das ist ja der interessante Sprung auf eine Metaebene, der gewagt aber doch gerechtfertigt sein dürfte: Hatte man noch in den letzten Monaten immer wieder darüber diskutiert, wie Integration auszusehen hat lieferte man an diesem Abend das perfekte Gegenbeispiel ab - das auf beiden Lagerseiten scheiterte. Das aber hatte anscheinend niemand bemerkt.

[hart aber fair, 15.5.10 21:45 "Tiere sind mir Wurst - haben Fleischesser keine Moral?"]
16.12.10 21:54


Zirkus Deutsches Fernsehen... Zu Gast: Rainer Mumpitz

Sechzehnter November im Jahre des Herrn 2010. Bei Sandra Maischberger darf eine selbsternannte "Raumklärerin" nicht nur ihre Arbeit erklären (was mich nicht gestört hätte), sondern tatsächlich vorführen, wie sie in einem Steinkreis steht, Weihrauch abfunzelt, mit einem metergroßen Gong das Studio "befreit" und zuletzt noch mit einer Bergkristallschale Glasorgel spielt. Geschlagene - ach was! - gegongte fünf Minuten lang.

Im Mittelalter hat man solche Frauen verbrannt* - heute zahlt man Rundfunkgebühren dafür. Und im Angesicht der Vernunft ist es nicht ganz einfach zu entscheiden, was schlimmer ist.

Beinahe unnnötig zu sagen, dass meine Sympathien bei Dr. Colin Goldner und Prof. Dr. Heinz Oberhummer liegen, die sich bemühen auf Grund einer wissenschaftlichen Sicht, die sich auf Vernunft beruft zu warnen und zu widerlegen.

Wenn nicht... ja, wenn nicht das armselige Gefühl überbliebe, dass sie auf verlorenem Posten kämpfen, weil in dem quietschbunten Studio die pluralistische Jederhatrechtphilosophie automatisch triumphieren muß.

Kein Wunder: Wenn man in den Zirkus geht, trifft man auf Clowns und Zauberer - aber nicht auf Hochschulprofessoren.

Nur schade, dass aus dem ehrwürdigen Haus der öffentlichrechtlichen Sender, das eben -als Gymnasium konzipiert- in der Aula eben auch die buntesten Revuen beherbergen konnte, inzwischen ein Zirkus geworden ist, in dem studierte Leute als Aushilfs- und Vorzeigegelehrte fungieren - bloß weil sie keine Lust haben Taxi zu fahren.



*Wo ist eigentlich der Kerner, wenn man ihn braucht?
26.11.10 01:47


Wer das Tor zur Hölle sieht sitzt manchmal bloß auf einem Spiegel

Terry Jones ist nicht etwa Mitglied der Monthy Phytons, sondern der katholischen Kirche. Und daher kann ich mich nichtmals fremdschämen. Ist ja mein eigener Verein. Ich schäme mich trotzdem. Man kann nicht die Liebe (sogar zu den Feinden!) als zentralen Glaubensinhalt, als absolut höchstes Gebot Menschen gegenüber hochhalten und zugleich solche Aktionen fahren.

In diversen Interviews stellt Jones zweierlei fest - erstens dass er selber aus Köln kommt und zweitens dass Köln das "Tor zur Hölle" sei. Und wenn man das zusammensetzt, dann stimmts ja wieder.

Und nun noch ein schwieriger doppelter Nachsatz:

Ich wünschte die Medien hätten sich da rausgehalten. Denn mir kann doch keiner erzählen, dass da nur aus lauteren Motiven berichtet wurde - da gab es einen Skandal, da gab es eine Nachricht, da gab es einen -verzeihung- Unterhaltungswert. Und damit wurde erst eine Basis für ihn geschaffen. Er erfährt jetzt genau die Anerkennung, auf die er vermutlich gesetzt hat - und mit deren Hilfe er versucht zu verhandeln.

Und andererseits hoffe ich (ohne damit herablassend, besserwissend oder auffordernd wirken zu wollen) dass unsere muslimischen Mitbürger genug Gelassenheit und Größe besitzen um ihn weitgehendst zu ignorieren. Denn ansonsten erhält er eines, was er nicht haben darf: Argumente.
10.9.10 11:33


Verwirrung in punkto Konsequenz

Das kann nur Merkel: Die Verbrennung eines Korans verurteilen, anlässlich einer Preisverleihung für Kurt Westergaard, dem vom Tode bedrohten Mohammedkarikaturisten - kurz nachdem sie Thilo Sarrazin zurückpfeifen ließ.

Frau Merkel - können Sie mir das mit der hochgelobten Meinungsfreiheit jetzt nocheinmal dezidiert auseinanderpuzzlen?

Ansonsten seh ich Sie jetzt vor meinem inneren Auge nur noch mit Schweppesgesicht. Von wegen Konsequenz und so.

Nur so nebenbei: Sie haben kein Wort verstanden, solange sie übersehen, dass nur ein Zeichner unter Polizeischutz stehen muß. Die anderen haben sich unbeliebt gemacht - aber keine Morddrohungen. Ahnen Sie, woran's liegt?

Was ein Land. Nach § 90a StGB bekäme ich drei Jahre Haft wenn ich auf die deutsche Fahne pinkel. Aber bei Frau Merkel einen Orden wenn ich Religionsstifter verunglimpfe und damit die Integration behindere. Oder ist das was anderes, wenn ich es ersteinmal bei Markus Lanz gewesen bin?
9.9.10 01:38


Natascha Kampusch: 'Privat bin ich eben ich - und da braucht's keine anderen Etiketten.'

Sie spricht still, sie spricht langsam, vorsichtig. Und wenn sie lächelt, dann nur ganz sanft aus dem Mundwinkel. Hübsch hat sie sich gemacht - auf dezente und unaufdringliche Art. Und ich denke kurz an Karin Himboldt in der Feuerzangenbowle. Wenn nicht der Blick immer wieder nach unten gehen würde. Und schon körpersprachlich passt Reinhold Beckmanns Art überhaupt nicht dazu, der sich regelmäßig in seine Gäste hineinlehnt. Von der Closeup-Kamera mal ganz zu schweigen, auf deren anderen Seite eine Unzahl von Zuschauern sitzt.

Man wird es nicht anders denken können, als dass hier eine Frau sitzt, deren Persönlichkeit zeitlich in großen Teilen gebrochen wurde. Und das macht wütend und hilflos zugleich. Der Denkfehler besteht nun da nur in der gutgemeinten aber falschen Schlußfolgerung man müsse sie nun genauso drastisch "zurück-brechen". Sie sein zu lassen wie sie ist. Sie sich selber entwickeln lassen. (Den ein oder anderen guten Ratschlag von Fachleuten denke ich hier mal nicht mit.)

Es gibt einen entlarvenden Moment im Interview: Natascha Kambusch erzählt, dass ihr Entführer versuchte ihren Willen zu brechen, damit sie nicht auf den Gedanken käme zu entfliehen. Und Beckmann stellt die Frage "War das dann nachher so, dass Sie tatsächlich so leer, so selbst-los waren -in dem Sinne, dass Sie sich tatsächlich nicht mehr getraut hätten wegzulaufen, wenn die Chance dagewesen wäre?". Er fragt dies die Frau, die vor ihm sitzt, weil sie sich getraut hat, als die Chance da war.

Und das macht sie ein zweites Mal zum Opfer. Selbst die Einblendung nennt ihren Namen und untertitelt "Entführungsopfer" - in Blockbuchstaben - kleiner gings nicht. Die Brücke in diesem Kontext schlägt Frau Kampusch selber: Direkt nach einem ausführlichen Einspieler eines Medienpsychologen, der wortreich erklärt, wieso die Medien und deren Zuschauer sie nicht ausreichend als das Opfer wahrnahmen, das sie eigentlich erwarteten fragt Beckmann die relativ sinnlose Frage, ob Sie diese Analyse für richtig hält. Und sie sagt "Ja. Aber der Täter hat das auch schon so gesehen." Und Beckmann schweigt, beginnt dann, setzt ein zweites Mal an - und verfehlt mit der Nachfrage den Ball. Denn er konzentriert sich nun wieder gänzlich auf den Täter, nicht auf die Parallele. Und überhört ein Wort in der vielsagenden Erkläruing. "Ich war ihm auch nicht genug Opfer." Wie sie später wunderbar knapp in einen Satz fasst: "Es hat mir auch niemand zugehört - alle wollten ihre eigene... ich hätte tausendmal mit dem wie es wirklich passiert ist kommen können und die anderen hätten gesagt 'Aber sie lügt doch, sie verbirgt doch...' - Man hätte alles was ich gesagt hätte in Zweifel gezogen." Und: "Dadurch dass ich frei bin gibt es für die Leute keinen Beweis mehr, dass ich eingesperrt war."

Im letzten Drittel blüht sie auf. Nach einem Rückblick auf ihr erstes Interview lächelt sie und stellt wunderbar unvorhersehbar klar: "Ich hatte Schnupfen." und man ertappt sich dabei, wie eingeengt die eigene Erwartungshaltung doch ist. Sie bricht aus dem stark von Beckmann beherrschten Frage-Antwort-Spiel (mit seinem Einatmen, dass immer wie eine Mischung aus Warnhinweis und inszenierter Besorgnis wirkt) aus und erzählt ihre eigene Überzeugung: "Die meisten Menschen sehen die Dinge einfach zu einfach," sagt sie - "entweder schwarz oder weiß." Sie verweist auf Telenovelas und sagt "im echten Leben ist es irgendwie auch so, dass man nicht einfach so ohne Gefühle oder ohne Ängste oder Bedenken oder innere Kämpfe existieren kann. Und es ist alles so einfach und man kann oft Dinge nicht umsetzen - auch wenn sie einfach sind." Und lehnt sich kurz darauf schon wieder in sich selber hinein. Und nochmal kurz darauf beschreibt sie differenziert ihre Philosophie der Widerstandkraft, die sie eben nicht im Trotz aber eben auch nicht in der Emotionslosigkeit sieht. "Ich nehme an, es bringt auch nichts, wenn man das Ganze zu emotional sieht," erklärt sie, "es ändert nicht wirklich etwas an der Situation." Denn: "es geht nicht so sehr um 'Gefühle beiseitezustellen' sondern um 'sich in einen Ruhezustand zu versetzen' wo einfach alles irgendwie akzeptiert wird. Aber nicht Agonie oder so, sondern ein Veständnis für alles aufzubringen." Und das war schon vor der Gefangenschaft da, sagt sie.

Das Haus des Täters gehört inzwischen ihr. Und zum ersten Mal erfahre ich, dass sie es als Schadensersatz bekommen hat. Und auf die Frage von Beckmann was sie denn nun mit diesem Haus mache antwortet sie zuerst: "Anzünden." und grinst und fügt an, das müsse man wohl erst bei der Feuerwehr anmelden.

Dieses Aufleuchten einer Persönlichkeit mit Überzeugungen, die gar nicht die meinen sein müssen, wäre es, was mich interessiert hätte. Die blitzende Fröhlichkeit, das Lachen, das neu scheint und in dem vielleicht doch das lange kleingeredete Kind wiedererwacht. Der Mensch, der seit vier Jahren ein neues Leben mit Hürden, Triumphen und Niederlagen lebt - und nicht der Rückblick in ein eigentlich besiegtes Martyrium. Nicht das erneute Vorführen eines gnädigerweise ungeschlachteten Opferlamms, das von Beckmann -pardon!- in seinem Umgang mit ihr, gerade im übertriebenen Mitgefühlsgestus kleingeredet wird.

[Natasha Kampusch bei Beckmann am 7.9.10]

- Schon die Artikel der großen Medien differrieren erstaunlich in der Wahrnehmung vor allem von Natascha Kampusch und ihren Aussagen, teilweise auch von Reinhodl Beckmann. Eine vergleichende Analyse wäre hochspannend, kann hier aber gerade nicht gliefert werden. Schon wegen dem Begriff "journalistisches Grapschen" empfehle ich hier jedoch nur zu gerne den Artikel von Oliver Jungen auf FAZ.NET
7.9.10 13:24


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