»Ist er, den ihr einen Knaben nennt, etwa von einem fremden oder gar feindlichen Stamme? Nein; er gehört dem eurigen an! Also müßtet ihr eigentlich stolz darauf sein, daß Old Shatterhand das Kalumet mit dem Sohne eures Häuptlings teilt. Statt dessen geratet ihr in Zorn. Ich sage euch, daß ich mich sehr über euch zu wundern habe!«
»Er hat keinen Namen!« rief man mir zu.
»Wer behauptet das?«
»Wir alle und ich auch!« antwortete mir der »starke Büffel«. »Ich bin der Vater dieses Knaben und weiß also, ob er einen Namen hat.«
»Ich weiß es besser, obwohl ich nicht sein Vater bin. Wie lange war er fort von euch? Was ist inzwischen geschehen? Was hat er gethan und vollbracht? Weißt du das? Du schweigst.«
[Karl May, Satan und Ischariot I, Zürich 1996, 236]
Ich reite zur Zeit wiedereinmal 'durch die Wüste', will sagen: Durch sechs Bände Orientzyklus. Und sollte ich mich jemals auf ein Lieblingsbuch festlegen müssen - ich vermute, diese sechs Bänd stehen bei mir noch über dem Herrn der Ringe, dem Anhalter und der Bibel.
Und erstaunt stellte ich beim (wievielten? Ich habe aufgehört zu zählen...) Lesen fest, dass da eine Lücke in Kara Ben Nemsis Reiseerzählung klafft. Ausgrechnet bei der Frage der Legitimation. Jeder Karl May-Leser kennt den beinahe schon magischen Pass des Ich-Erzählers, den Ausweis, den er vom Großherrn besitzt, das Budjerduldu des Padischa, mit dem er selbst feindseligste Richter und Polizisten tatsächlich zu seinen Verbündeten machen kann. Nur stellte ich nun erstaunt fest: Den besitzt er nicht von Anfang an - und zugleich bleibt gänzlich unklar, woher er ihn hat...
Verkürzt dargestellt: Beim Wekil von Kbili muß sich Kara Ben Nemsi zum ersten Mal ausweisen. Er besitzt einen einfachen Paß, jedoch nur vom französischen Gouverneur in Algier.
»Wer bist du?« »Hier ist mein Paß.« Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf, faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten Pumphosen. [...] »Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du ihn?« »Von dem französischen Gouvernement in Algier.« »Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?« Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte. »Ich heiße Kara Ben Nemsi.« [Karl Mays Werke: Durch die Wüste. Karl Mays Werke, S. 41526f. (vgl. KMW-IV.1, S. 54f.)]
Und nachdem die orientalische Variante der Pantoffelherrschaft die rettende Wendung herbeiführt, jubelt Halef:
»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser im Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« – – – [Karl Mays Werke: Durch die Wüste. Karl Mays Werke, S. 41560f. (vgl. KMW-IV.1, S. 77)]
Später -nach der Rettung der geraubten Senitza und einer spektakulären Verfolgungsjagd auf dem Nil - gerät Kara Ben Nemsi vor Gericht. Als er sich ausweisen soll, verweist er auf seinen Paß und einen Reiseschein, betont zudem das Budjeruldu seines Begleiters Isla Ben Maflei.
»Wie meinst du das, Giaur?« »Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen Paß bei mir und auch einen Jzin-gitisch [Reiseschein] des Vizekönigs von Aegypten; dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu- djeruldu des Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.« »Zeigt die Scheine her!« Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück. [Karl Mays Werke: Durch die Wüste. Karl Mays Werke, S. 41665f. (vgl. KMW-IV.1, S. 146)]
Ein weiteres Kapitel befindet er sich am roten Meer, ein Teil Wegstrecke ist in der Erzählung übersprungen - und es kommt plötzlich die überraschende Wendung, als er sich von einem Schiffsbesitzer nicht herunterputzen lassen will:
Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor. »Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten, als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!« [Karl Mays Werke: Durch die Wüste. Karl Mays Werke, S. 41685 (vgl. KMW-IV.1, S. 158)]
Bleibt also die Frage: Woher hat Kara Ben Nemsi plötzlich den Reisepass, der ihn unter den Schutz des Großherrn stellt? Ich bin mir ziemlich sicher, darüber bereits eine Episode gelesen zu haben, in der er auf recht trickreiche Weise an denselben kommt, allerdings ohne jedoch wirklich mit dem Großherrn aufeinanderzutreffen. Ganz im Gegenteil zu der filmischen Darstellung desselben im Film ('Durchs wilde Kurdistan / Im Reiche des Löwen') ist es kein imposanter Empfang wegen seinen Heldentaten - sondern ein Schwindel deluxe... Klassischer Karl May eben...
Nur: Wo hab ich das nur gelesen?
Erstes Fundstück:
»Habe keine Angst, Halef! Ich trage in meiner Tasche einen Firman des Schah-in-Schah, welcher in eigener Gegenwart des Herrschers untersiegelt worden ist. Dagegen kann kein Särtix aufkommen.« »Woher hast Du diesen Firman? Kennt Dich der Schah?« »Nein, und ich kenne ihn auch nicht; wir stehen uns also in dieser Beziehung vollständig gleich. Du hast doch meine türkischen Legitimationen gesehen; bessere, als ich hatte und noch habe, gibt es nicht, und doch war ich dem Sultan unbekannt. Aber ich habe einen sehr guten und sehr einflußreichen Freund in Stambul; das ist Mustapha Moharram Agha, der Kapudschi38 der hohen Pforte; der hat mir die Papiere besorgt; kein Fürst kann wirkungsvollere bekommen. Solche einflußreiche Personen gibt es auch anderswo; man muß die Schliche nur kennen. Persische Firmans sind nicht nur in Persien zu bekommen.« [Karl Mays Werke: Der Scout. Kleinere Reiseerzählungen, Aufsätze und Kompositionen. Karl Mays Werke, S. 63209 (vgl. KMW-IV.27-304, S. 193-194)]
Nur: Da reisen Kara und Halef bereits seit langer Zeit gemeinsam, Halef ist schon lange mit Hanneh verheiratet - und somit liegt die Geschichte Jahre nach den oben erwähnten zu verorten. Und also auch ein anderer Paß gemeint. Sollte ich tatsächlich zwei Fälle durcheinanderwerfen? Dann bleibt aber die Frage: Woher hat er die erste Legitimation des Großherrn?
»Es ist ein unnützes und lästerliches Unternehmen, dear uncle, und du hast dir die Sache wohl nicht ganz richtig berechnet,« hörte ich den Knaben sagen.
»Willst du mich etwa das Kalkulieren lehren? Die Oelpreise sind nur deshalb so gedrückt, weil die Quellen zu viel liefern. Wenn wir also, Einer wie der Andere, das Oel so einen Monat lang ablaufen lassen, so muß es wieder teuer werden, und wir machen Geschäfte, gute Geschäfte, sage ich dir. Und diesen Coup werden wir ausführen; es ist so beschlossen, und ein Jeder wird sein Versprechen halten. Ich lasse aus dem unteren Loche jetzt alles in unseren Venango-River fließen; bis die Preise steigen, werden wir weiter oben auch auf Oel getroffen sein, und da ich einen hinreichenden Vorrat von Fässern habe, so schicke ich dann im Verlaufe von wenigen Tagen eine Quantität Oel nach dem Osten, die mir Hunderttausende einbringt.«
[Karl Mays Werke: Winnetou II. Karl Mays Werke, S. 51622f. (vgl. KMW-IV.13, S. 358-359)]
Wenngleich ich bezweifle dass es bei bp einen tatsächlichen Ölprinzen Emery Foster gibt - die Frage ist tatsächlich nicht ganz aus der Luft gegriffen, ob vielleicht das Risiko schon länger bekannt und in Kauf genommen war.
Somit wäre die Ölbohrinsel das Kölner Stadtarchiv im Golf von Mexiko. Also auch nur ein weiterer Kollateralschaden mit Abwrackprämie zwischen dem Bermudadreieck und Atlantis...
Neulich sah ich bei meiner Buchhandlung eine Neuausgabe der drei Winnetou-Bände herumliegen. Schlug auf, grinste wissend bitter und konstatierte einen mittelgroßen Zensurskandal.
Ums spannender zu machen, das vorweg: Ich habe gegen behutsame Angleichung an modernen Sprachgebrauch nichts einzuwenden. Persönlich bevorzuge ich es (wenns nicht gerade mittelhochdeutsch ist), wenn ich ab und an mal durch ein "daß" oder auch ein "Schiffahrt" den altmodischen Sprachgebrauch durchschimmern sehe - und auch Karl May ist für mich nur dann so richtig perfekt, wenn er mal "recognosziert" statt nur zu "erkunden". Angesichts der heranwachsenden Generationen aber halte ich eine "korrekte", bzw zeitgemäße Rechtschreibung für äußerst sinnvoll. Und darum: Dezente Anpassungen an die Moderne? Geschenkt.
Ein weiteres langes Kapitel wären die Diskussionen über die diversen Bearbeitungen die vor allem vom Karl May-Verlag selber vorgenommen wurden - und auch wenn der Verlag durchaus einige bedenkens-werte Argumente liefern kann, dürfte die Vorgehensweise in der Literaturgeschichte tatsächlich einmalig sein. (Obwohl... ich habe da so meine Verdachtsmomente bei Neuveröffentlichungen von Agatha Christie für Jugendliche...). Es wäre abstrus würde man mit namhaften Autoren vergleichbar umgehen. Was in Deutschland von Fremdautoren für Enid Blyton so alles gänzlich neu geschaffen und als "Enid Blyton" verkauft wurde - das schaffte der Karl May-Verlag durch einfache Umarbeitungen vorliegender Werke mit Bastelschere, Umetikettierungen und Flickwerk. Vielleicht - und ich betone: vielleicht machen Jugendbearbeitungen, die allzuphilosophische Abschweifungen kürzen (Old Surehand: Seitenweise Gottesbetrachtungen beim Ritt durch die Wüste...) und die Abenteuerhandlung in den Vordergrund stellen, tatsächlich Sinn. Solche an Kinderbibeln erinnernde Bearbeitungen hat es tatsächlich zu fast allen Klassikern (von Schatzinsel bis zu Sherlock Holmes) immer wieder gegeben - schon allein um Kinder vor den grauslichen Besuchen von Gulliver im Land der Alten zu bewahren. Darum auch zu dieser Art von Bearbeitung: Geschenkt.
Nun aber das Exemplar des Winnetou, das ich in besagter Buchhandlung für einen Billigpreis sondergleichen in den Händen hielt. Der Fall lag hier anders. Während der Text nach einigen Probeblicken tatsächlich einer leicht eingekürzten Bearbeitung des Karl-May-Verlags noch zu entsprechen schien, hatte man sich das von May selbst verfasste Vorwort tatsächlich gänzlich gespart. Dessen erster Absatz liest sich so:
Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem 'kranken Mann', während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den 'sterbenden Mann' bezeichnen muß. [Karl Mays Werke: Winnetou I. Karl Mays Werke, S. 50276 (vgl. KMW-IV.12, S. 9)]
Ein Schelm wer böses dabei denkt. Sollte mein Verdacht politisch korrekter Motive allerdings stimmen, so muß man sagen: Umgekehrt würde ein Mokkassin (oder ein terliği) draus. Denn Mays Assoziation stimmt noch immer. Sowohl eine für Europa abgeschriebene Türkei (inklusive "wildem Kurdistan") als auch türkische Mitbürger im Spagat zwischen tatsächlicher Ausländerfeindlichkeit wie auch erdrückendem invertiertem Rassismus in Form von motivlosen Sympathiebekundungen schreiben ein Volk ab, das inzwischen sogar mitten uns wohnt anstatt am Rand des Horizonts. Und das scheint mir May zu bestätigen.
Es gibt kenntnisreiche Untersuchungen zu den Diskrepanzen zwischen Mays Romanen und der historischen Wirklichkeit, die durchaus überzeugend nachweisen können, dass auch May den Vorurteilen und Klischees seiner Zeit mehr verhaftet war, als ihm selber lieb gewesen sein dürfte. Und dass solche Klischees (z.B. eben dieses "wilde Kurdistan") auch gerade durch seine Werke bis heute nachwirken. Sie übersehen meiner Meinung nach aber eines: Dass ihm tatsächlich an einer friedlichen Koexistenz, einem menschlichen Miteinander der Menschen über die Nationsgrenzen hinweg tatsächlich gelegen war, bzw. dass er Menschen in letzter Linie nur an ihren Taten nicht aber an ihrer Herkunft maß. Und dass er dazu vor allem die Unterdrückten ohen Berücksichtigung von formellen "Gut-Böse-Grenzen" stets "nach oben schrieb". Und auch dass er darum gerade in eine kolonialistische Veröffentlichung sein "Friede auf Erden" schmuggelte.
Mir fehlt darum die Einleitung im Winnetou I - auch wenn sie die eigentliche Handlung hinauszögert - jedem Leser stünde es ja frei sie zu überblättern. Aber sie zeigt die Perspektiven auf. Sie gibt Lesefolien für den ganzen Roman. Und erinnert deutlich daran, dass die Indianer einmal ein großes Volk waren, das beinahe ausgelöscht wurde. Das wurde nun den Lesern genommen. Um so mehr, als dass ich keinen deutlichen Hinweis auf eine "Bearbeitung" finden konnte. Und zumindest das gäbe dem Leser ja die notwendige Information.
Sei's drum, der Fachmann staunt - und der Laie wundert sich - aber über die Veröffentlichungspolitik von Verlagen könnte man vermutlich Seiten füllen...
»Ich kannte nur meine Berge und die Wildnis der Wälder; ich hatte immer nur von meinem Volke, nicht aber von andern Völkern gehört. Da lernte ich dich kennen, und du erzähltest mir von vielen Nationen und Reichen; ich weiß erst jetzt, wie groß die Erde ist, und wie klein dagegen ein Mensch, ein einsamer Knabe, obgleich seine Ahnen einst mächtige Sonnensöhne waren. Ich habe geträumt und bin erwacht und würde, selbst wenn ich heute alle Reichtümer der Erde da unten in der Schlucht vorfände, nie wieder in den trügerischen Traum zurückverfallen. Die Geschichte meines Volkes ist zu Ende; die Vergangenheit geht mich nichts mehr an, und ich will nun nur noch vorwärts blicken. Ich möchte lernen, was du gelernt hast; ich möchte ein Mann werden, wie diejenigen waren oder sind, von denen du mir erzähltest. Darum werde ich meine Berge verlassen und dahin gehen, wo dieser Wunsch Erfüllung findet.« [Karl Mays Werke: Das Vermächtnis des Inka. Karl Mays Werke, S. 39789 f. (vgl. KMW-III.5, S. 528)]
Eine eigenwillige, aber nicht unbekannte Variante des "Erwachsen-werdens".