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Bücher

Hugo Hamilton: Menschen bestehen aus Legenden, nicht aus 'Fakten'

Vor einigen Monaten hatte ich bei einer kleinen Bestellung ein Buch mitbestellt um Porto zu sparen - und von Anfang an sehr neugierig beäugt. Unter anderem weil mir so sehr gefiel, was der Autor in seinem Videokommentar formulierte: Über das Leben, die Suche nach einer Identität, die aber "voller Löcher" ist.

Besonders ist das Buch, weil es absichtlich zwei Quellen hat: Die Geschichte eines Mannes, dem der Autor tatsächlich selber begegnet ist - und eben seine eigene, die einen verwirrenden Start bot für das Kind eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter. Wie er seine Zweifel beschreibt, ob er deutsch oder irisch ist, wie er erzählt, das er in Irland seiner Mutter auf der Straße aus dem Weg ging, weil seine Klassenkameraden ihn als Nazi beschimpften... das rührt. Weil es echt ist. Weil zwischen senem Reden, seiem Denken und seinem Schreibe, speziell der Sprache kein verkünstleter Graben liegt.

Und so nebenbei stellt er fest: "Das ist am Wichtigsten für jeden Menschen: Eine Geschichte zu haben." Und kommt aufgrund seines eigenen Lebens zu dem nachdenkenswerten Schluß, dass jeder Mensch aus Legenden besteht - und diese wichtiger sind als die faktische Herkunft.

Und nun habe ich das Buch endlich angelesen und schon habe ich zwei Lieblingsstellen.

Die erste beschreibt das, was mich selber umtreibt: Den Umgang mit unterschiedlich deutlichen Erinnerungen, der einen menschlich macht, im Gegensatz zu einem durchgängig bewußten Maschinenwesen, das faktisch sichere Erinnerungen einfach nur aufaddiert. Die Identifikation eben nicht nur mit eigenen memorierten "Vergangenheitsmomenten", sondern eben auch mit Geschichten sowohl über die eigene Vergangenheit, als auch aus Büchern über fremde Leben- erfundene und tatsächliche...

"Warum erinnert sich Gregor so gut daran, in dem Laster gesessen zu haben? Warum erinnert er sich daran beser als an vieles andere? Warum ist alles, was vorher und nachher geschah, so verschwommen? Manchmal kann er nicht mehr zwischen seiner Erinnerung und dem unterscheiden, was man ihm erzählt hat, zwischen dem Erlebten und dem, was er in Büchern gelesen hat.

Er besteht aus allem, was er gehört und gelesen hat. Aus allem, was er abgelehnt, und aus allem, was er akzeptiert hat, aus dem, was er geglaubt, und aus dem, was er nicht geglaubt hat."
[Hugo Hamilton, Legenden, München 2008, 34f.]


Das zweite beschäftigt sich mit dem prägenden Moment im zwischenmenschlichen. Wie hat der Vater ihn beeinflußt? Und woher rührten dessen eigene Motive, die -inwiefern?- mit seien eigenen übereinstimmten oder eben nicht passten? Hamilton beherrscht dabei die kleine und leise Meisterschaft eben nicht zu schwarz-weiß zu malen, sondern fragend und skizzierend Reibungsflächen anzudeuten, und dabei Vor- und Nachteile gleichermaßen im Blick zu behandeln.

Gregors Vater war ein fanatischer Jäger, geprägt vom Krieg, ein Mann, der von seinem Sohn eine große Erdverbundneheit und hellwache Überlebensinstinkte verlangte. Deshalb lehrte er ihn, Pilze, Beeren und Pflanzen zu sammeln, die man in Krisenzeiten kochen und essen konnte. Zum Geburtstag bekam Gregor oft ein Handbuch mit Tipps zum Überleben.

Bei seiner Erziehung ging es immer nur darum, auf die Katastrophe vorbereitet zu sein. Auf Dinge vorbereitet zu sein, wie sie in der Vergangenheit geschehen waren und auch in Zukunft geschehen würden, nur viel schlimmer.

In seiner Kindheit hatte er das ganze Pfadfinderwissen verinnertlicht, wusste, wie man ein Feuer ohne Streichhölzer entfacht, wie man Nahrungsmittel einlagert, wie man bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt überlebt. Schon im Alter von neun Jahren war er so weit, dass er zum ersten Mal allein im Wald übernachten konnte.

Sein Vater wollte, dass er das Ende der gesamten Zivilisation überleben konnte, erklärte aber nie, was er tun sollte, falls er der letzte Mensch auf Erden wäre."
[Hugo Hamilton, Legenden, München 2008, 38.]



3.1.11 23:19


Heinrich von Kleist - Der zerbrochene Krug

Schreiber Licht findet seinen Dorfrichter in ramponierter Verfassung vor. Gestrauchelt sei er, sagt Richter Adam, und sein "Fall" trüge den Stein des Anstoß in sich selber. Und schon in den ersten fünf Zeilen lässt Kleist die Bedeutung in der Schwebe. Soll man als Zuhörer das ganze wörtlich nehmen - oder bildlich verstehen? Richter Adam jedenfalls wiegelt ab - er meine es unbildlich - und doch wird der Zweifel des aufmerksamen Zuschauers schnell grösser. Denn die Zustände im Hause Adam sind katastrophal - in der Registratur lagert man Würste - eingewickelt in wichtige Akten. Die Perücke des Richters ist unauffindbar. Was erst nur nach einer klassisch-tumben Komödie aussieht passt nicht so ganz. Den die handelnden Figuren sind in ihrer Funktion eigentlich ehrwürdig: Ein Richter, sein Schreiber, ein Gerichtsrat. Und langsam erhält die Komödie einen Subtext im Stil der griechischen Tragödie. Denn da kündigt sich ein bedrohlich wirkender Gerichtsrat an, wegen dem sich im Nachbarsdorf schon jemand aufgehängt hat...

Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gingen Poesie und Rhetorik Hand in Hand - Werke entstanden nach einer präzise organisierten Regelpoetik, die der Idee einer berechenbaren Ästhetik verpflichtet war. Erst mit Lessings Abhandlungen über die Lakoongruppe trennen sich plötzlich Kunst und Text voneinander. Erst in dieser Zeit lässt der Einfluss der Emblematik nach, in deren Folge Werke immer eine zugrundeliegende Moral besaßen, die sie lediglich illustrierten. Der Titel diente bis dahin schon als Programm, das Schauspiel gewissermaßen als Bild und dessen Text (besonders im Schlussteil) als Erläuterung. Nichts davon lässt sich bei Kleist noch so wirklich anwenden - die verwendeten Bilder sind unscharf, schwer greifbar wenn man Allegorien aus ihnen stricken möchte - und demonstrieren eher gerade die Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit. Die Verfilmung von 1937 versucht dies trotzdem noch umzusetzen - und spielt in der Filmmusik deutlich "Üb immer Treu und Redlichkeit". Selbst hier aber folgt dies aber nicht etwa aus einem vorbildlichen Lehrstück (wie es etwa ein Sokrates im Staat als einzig denkbare Form von Kunst fordern würde) sondern aus den drastischen Verstößen gegen jedwede Form von Regelung und Ästhetik.

Der Umgang des Dorfrichters Adam mit den Gesetzen ist jedenfalls sehr locker und unvorbildhaft. Das stellt auch der eintreffende Gerichtsrat schnell fest, dessen tatsächliche Erscheinung gütiger wirkt als seine Ankündigung. Es ist Gerichtstag und so will er bei den Verhandlungen anwesend sein. Die erste Klägerin ist auch schon da: Frau Marthe verdächtigt Ruprecht, den Sohn eines Bauern und Verlobten ihrer Tochter, ihr bei einem unerlaubten Treffen mit letzterer einen wertvollen Krug zerstört zu haben. Dieser wiederum will seine Versprochene mit einem fremden Mann gesehen haben. Misstrauen liegt in der Luft und die Hochzeit droht zu platzen. Zudem soll Ruprecht bald zum Militär, weswegen Eve umso inständiger bettelt ihr zu glauben und sie nicht im Groll zu verlassen.

Spätestens in diesem Moment weiß der Zuschauer, dass nicht etwa Ruprecht, sondern Adam selbst der Verdächtige ist. Er hört Zwiegespräche zwischen diesem und Eve, die dieses eher beweisen als andeuten - und lernt, dass Adam Eve damit erpresst, dass er Ruprecht als Soldat in große Gefahr schicken will.

Zentral ist Frau Marthens Beschreibung des ihr so wertvollen Kruges. Er stellte eine zentrale Szene der niederländischen Geschichte dar: Den Beginn der Freiheit des Landes - und somit auch zugleich den Niedergang des mittelalterlichen Großreichs. Dieses Bild ist nun zerstört und nicht mehr zu reparieren. Und ihre Beschreibung verwechselt textinhärent deutlich Abbildung und Realität war für den Zuschauer wunderbar bissige Kommentare heraushören lässt, wenn etwa ausgerechnet den Erzbischof "der Teufel geholt" hat. Aus ihrer Beschreibung wird zudem deutlich, dass der Krug eine eigene Geschichte hat und in der Familie von Generation zu Generation vererbt wurde. Er symbolisiert als Medium ein bis vor kurzem konserviertes Bild. Und -wie bei Kleist durchaus üblich- plötzlich beginnt das Bild zu schimmern. Steht er für die Verlässlichkeit von Überlieferung? Demonstriert er die Zerbrechlichkeit von verbissen beibehaltenen Überlieferungen und Welterklärungen? Oder steht er gar für die verlorene Ehre von Eve? Zeigt er, dass diese zerstört ist, obwohl diese sich zumindest mit aller Kraft zu wehren versuchte? Und vor allem: Warum schiebt Frau Marthe den Krug vor - wenn sie genauso gut Ruprecht wegen "unzüchtigen Übergriffen vor der Hochzeit" anklagen könnte?

Aber auch Ruprecht hat - wie Eve anklagend feststellt - nur geglaubt was er zu sehen meinte. Selbst wenn, so Eve, er sie mit einem fremden Mann hätte aus einem Krug trinken sehen hätte er ihr Vertrauen schenken sollen, anstatt gleich das Schlimmste zu befürchten. Es ist der spezielle Schachzug von Kleist, dass hier ein Vorwurf gedacht werden kann, obwohl doch zugleich recht sicher die Zudringlichkeit des Richters nur durch den eifersüchtigen Ruprecht unterbrochen wurde. Eve kann sich zu Unrecht verdächtigt vorkommen, weil sie ihre Schlachten allein schlagen will - und Ruprecht zugleich kann sie schützen wollen. Und beide wissen (mindestens in der Langfassung) das auch später voneinander.

Erfolgreich lässt Kleist hier also tatsächlich zwei Welten aufeinandertreffen. Die umfassende Komödie verbirgt im bunten Gewand eine Tragödie. Dies lässt sich auch sprachlich aufzeigen: Denn die an Derbheit kaum zu überbietenden Aussprüche sind allesamt wunderbar verpackt in reinste Verse. Und damit erschüttert er auch gezielt jede allzu glatte Deutung. Es gibt keine Verlässlichkeit mehr, wenn der Richter selbst der Schuldige ist. Es ist ein Werk über falsche Bilder - und diese Idee wird vielfältig ausgearbeitet. Denn das Bild auf dem Krug ist insofern falsch, als es einen vergangenen Moment darstellte - zugleich aber auch, da es nach dem Fall des Kruges in seiner Bruchstückhaftigkeit eigentlich keine Aussage über die Wirklichkeit mehr treffen könnte (und vielleicht aber doch kann). Falsch sind aber auch die sprachlichen Bilder, mit denen der Richter seine Blessuren zu erklären sucht, oder Eve einredet ihr Ruprecht käme in große Gefahr wenn er ihn in die versuchten Kolonien schicken könnte. (Ein Bild das an König David und seine Susanna im Bade erinnert.) Und "wahr" im Sinne einer greifbaren Übertragung kann damit auch das gesamte Bühnenstück nicht sein - und wenn dann nur in der Hinsicht, dass es zeigt, dass es keine Letztbegründung, keine unhinterfragbare Verlässlichkeit geben kann. Denn selbst die Goldmünze die der Gerichtsrat Walter als Wahrheitspfand abgibt zeigt einen Anachronismus, der vor die Zeit des Bildes auf dem Krug noch zurückgreift: Denn sie zeigt den spanischen König, der zuvor für die Niederlande zuständig war.
22.11.10 13:12


Andreas Gryphius - Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz (Kritische Ausgabe)

"Es ist kein Kinderwerck / wenn alte Leute zu Narren werden."

Herr Peter Squentz, seines Zeichens Schreiber und Schulmeister zu Rumpels-Kirchen, hat große Pläne. Sein König ist "ein großer Liebhaber von lustigen Tragödien und prächtigen Komödien" - und so will er ihm "eine jämmerlich schöne Komödie tragieren". Und da das nicht alleine geht sucht er sich Hilfe: bei Pickelhäring - einem Narren, und bei einer Handwerkerschar. Und ausgerechnet mit dieser Besetzung hat er sich keinen geringeren Stoff ausgesucht als die große Tragödie "Pyramus und Thisbe" aus Ovids Metamorphosen , die Geschichte eines großen Missverständnisses: Zuerst findet Priamus den Mantel den Thisbe verlor blutverschmiert (weil eine Löwin darin ihre Jungen zur Welt brachte) und bringt sich vor lauter Leid um - dann findet Thisbe ihren Geliebten tot und folgt ihm. Ein Plot, der nicht nur subtil an das Ende von Romeo und Julia erinnert, sondern sogar komplett in Shakespears Sommernachtstraum auftaucht, dort ebenfalls von einer Gruppe sich selbst überschätzender Handwerker aufgeführt.

Schon die Proben lassen den Zuschauer das Desaster erahnen, das sich da anbahnt. Die Besetzung macht aus einem Zweipersonenstück ein Ensemblewerk, indem einfach ein Brunnen, ein Mond, ein Löwe und sogar eine Wand als Sprechrollen eingefügt werden. Schon die Überlegungen, wie diese zu verkörpern seien zeigen den derben und gänzlich unangemessenen Angang an den Stoff. So will ausgerechnet Pickelhäring nur widerstrebend den Helden Priamus spielen und nähme lieber den Löwen, der keinen wirklichen Text hat - obwohl ihm als klassischer Narrenfigur die größte Rolle zustünde. Der Schmied spielt mit einer Laterne den Mond,

Zudem wird die Illusion des Schauspiels gänzlich mit der Wirklichkeit verwechselt: Man müsse wegen schwangerer Frauen sicherheitshalber vor dem Auftritt des Tischlers sagen, dass dieser kein echter Löwe sei. Zugleich aber kann die Löwenhaut nicht echt genug sein - da Löwen große Katzen sind erwägt man einfach ein Dutzend Katzen zu erschlagen und mit dem frischen Blut auf den nackten Körper zu drücken, damit sie haften bleiben. Ein Versuch der vor allem unterbleibt, weil man noch nie gelbe Katzen gesehen hat. Man kann es nicht anders sagen - im Prinzip sind alle Handwerker einfach nur dumm. Wenn der Blasebalgmacher die Wand spielt, durch die hindurch die Verliebten miteinander flüstern, so muss er sich zwischen deren Sätzen umdrehen, damit mal der eine und mal der andere ins Loch hineinreden kann. Der Leineweber spielt den Brunnen - und hätte beinahe auf allzu natürliche Weise Wasser gelassen - wenn Peter Squentz nicht im letzten Moment die "Frauenzimmer" eingefallen wären und ihm eine Gießkanne zuspricht. Und als der Spulenmacher für die Rolle der Thisbe überbleibt kommt man nicht etwa auf die Idee seinen Bart zu stutzen - sondern schmiert ihn mit einer Speckschwarte ein, damit es glatter aussieht und er "mit einer schmutzigen Goschen zum Fenster aus kucken" kann.

Squentz hält sich selber übrigens für "tapfer, ernsthaft und ansehnlich" genug um die Vor- und Nachrede zu halten und besitzt lediglich Halbwissen, nennt Ovid den "alten Kirchenlehrer Ovidius", macht aus den Metamorphosen "das Buch Memorium phosis". Er plant mit diesem Stoff ausdrücklich eine Komödie, da am Ende "die Toten wieder lebendig werden, sich zusammensetzen und einen guten Rausch trinken." Und schickt am Ende des ersten Aufzugs die Spieler zum Lernen und verspricht ihnen den Text für den übernächsten Tag.

Im zweiten Aufzug diskutiert der König mit seiner Familie und dem Marschall die Bewerbung von Peter Squentz - und vor allem seine lange Liste auf der er sein eigenes Stück an das Ende setzt, damit man sie für fähiger hält als sie sind. Ein Plan der für den König zu durchschaubar ist. Im folgenden Gespräch mit Peter Squentz gibt dieser sich als Universalgelehrter aus, der in einem Kurzmonolog 'beweist' dass er in der großen Welt aus dem vornehmsten Ort überhaupt stammt und daher auch selber der "vornehmste Mann in der ganzen Welt" ist. Nun spielt das Staatsoberhaupt mit ihm und wählt eine fremde Komödie nach der nächsten aus - und Peter Squentz weicht mit haasrträubenden Argumenten aus. So kann er die "Belagerung Jerusalems" erst spielen, wenn er ganz Jerusalem aufgebaut hätte oder will nicht vertreten, dass die Susanne im Bade die anwesenden Damen (und nur die!) genieren könnte. So soll es am Ende doch Pyramus und Thisbe sein.

Im dritten Aufzug schließlich wird das Stück aufgeführt. Dazu bedient Gryphius sich der Technik der heute noch benutzen "Backstage"-Komödie - die ihre eigene Komik daraus zieht, dass man die Schauspielerpersönlichkeiten mit dem Stück in Konflikt kommen lässt. Vorbildlich setzt Gryphius genau das um, indem er die Rollen in Verse setzte und die Zwischengespräche in Prosa setzt und bezieht auch die Reaktionen des (stückinternen) königlichen Publikums mit ein um den Effekt zu steigern. Denn ohne dieses wären breite Strecken wohl eher peinlich als amüsant empfunden worden. Somit ist auch die Vermischung von Bürgern und Adel ausgerechnet in einer Komödie gerechtfertigt. Immerhin - der König stellt fest: Wären die Reime nicht so schlecht hätten sie weniger zu lachen.

Und wunderbar nimmt dann auch das Unglück seinen Lauf - die Reime sind allemal Knittelverse („Ey Lieber / er hat sich erstochen / Fürwahr ich hab es wol gerochen")- und als Peter Squentz auf seinen Titel verweisen will sprengt er den Versfuß beträchtlich: "Ich wündsche euch allen eine gute Nacht - Dieses Spiel habe ich Herr Peter Sq. Schulmeister und Schrfeiber zu Rumpels-Kirchen selber gemacht." Und nach wenigen Zeilen verließen sie ihn schon wieder... er vergisst den Text und von bald lesen alle Spieler ihre Rollen einfach nur noch ab.

Der Blasebalgmacher als Wand versteht das Prinzip der Rolle nicht: Er erzählt zur Begrüßung seine eigene Biographie - somit behauptet die Wand von ehrlichen Leuten gezeugt worden zu sein. Zudem versteht er das Prinzip des Reimes nicht und wählt in jeder zweiten Zeile das falsche Endwort. ("Meiner Mutter hat es wohl gelückt / Daß man sie hat nach Fischen gesandt.") Es kommt auf der Bühne zu diversen "Säuen" (quasi: Böcken, die geschossen werden): Prügeleien aus privater Missgunst und zu der Situation gänzlich unangemessenen Aussprüchen, etwa wenn der Mond seinen Monolog einleitet mit "aber haltet die Fressen zu / und höret was ich jetzt sagen werde." Aus Neugier bleiben die Spieler auf der Bühne wenn sie abgehen sollen, weil sie den Ausgang des Stückes sehen möchten. Und der König stichelt: "Wir stunden in Meynung / der Löwe würde auf der Thisben Mantel junge Löwen gebären / wird dieses nicht auch zusehen sein?" - Piramus erklärt den Zuschauern, dass er nicht wirklich stirbt, wenn er sich ersticht. Und als die sterbende Thisbe auf seine "Leiche" fällt beschwert er sich "Ey Thisbe, es schickt sich nicht also / die Weiber müssen unten liegen."

Die "Moral" die Peter Squentz am Ende formuliert ist mehr als fragwürdig: Die Liebe ist gefährlich, am besten lässt man sie ganz bleiben, Pfeile sollte man sofort ziehen, und wenn man im Gras schläft soll man den Mund nicht auflassen, damit die Liebe nicht hineinklettern kann.

Tatsächlich gibt es eine Entlohnung zum Schluss - aber feinsinnig beschließt der König nicht etwa die Leistung sondern gerade die "Säue" zu bezahlen. Womit Peter Squentz durchaus leben kann...

Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gingen Rhetorik und Poetik Hand in Hand. Regelpoetiken gaben vor, wie "gute Werke" entstehen - und hielten die Ansprüche hoch. In diesem Kontext waren Komödien nur mit niederem Volk zu spielen, Tragödien hingegen sollten adelige Zustände zeigen. Die Aufbereitung einer angezielten Moral hatte nach bestimmten Techniken vonstatten zu gehen, die sich vornehmlich an der klassischen Rhetorik orientierten. Und natürlich war all das eine Aufgabe von Gelehrten. Als nun plötzlich auch niedere Stände lesen und schreiben lernten und selber kreativ wurden (Hans Sachs, Meistersinger...) geriet das alte System ins Wanken. In dieser Hinsicht ist Gryphius Werk eine bissige Satire auf solche Versuche - und verteidigt mit Verve die Notwendigkeit von tatsächlich gelehrten Dichtern, die genau wissen was sie tun.
22.11.10 02:45


Omid Nouripour, Mein Job, meine Sprache, mein Land

Omid Nouripour ist kein ganz Unbekannter in Deutschland. 2006 rückte er für Joscha Fischer in den Bundestag nach. Hier beschriebt er nun auf faszinierende seine eigenen Erlebnisse in Punkto Integration - und entwirft mit bewundernswerter Konsequenz und vorurteilsfreihem Bewußtsein eine Integrationspolitik, die überzeugen kann. Gerade die Anekdoten, der Mut zu einem Vergleich seines eigenen Lebens mit dem von Mohammed Atta, gerade die einfache und direkte Sprache machen dieses Buch tatsächlich zu einer lohnenswerten Erfahrung - und ab und an zieht man die Stirn kraus und denkt sich "Aha. Wieso bin ich da nie drauf gekommen?"
14.11.08 10:17


Anne Rice, Jesus Christus - Rückkehr ins Heilige Land

Normalerweise kennt man Anne Rices Namen aus anderem Zusammenhang. Die Autorin gefühlvoller Vampirromane hat sich von Lesersicht aus einen gewagten Ausflug genehmigt, als sie beschloß eine Trilogie über das Leben Jesu zu schreiben. (Deren erster Teil beschreibt die Zeit von Rückkehr aus Ägypten bis zum jungen Jesus im Tempel.) Und doch bleibt ein Schmunzeln zurück, wenn man bedenkt, dass sie sich auch hiermit wieder eine Figur gewählt hat, die zu guter Letzt nicht im Grab liegen bleibt.

Rices Motivation ist aber offensichtlich größer. Mit hingebungsvoller Liebe, sowohl zum Detail als auch zur glaubwürdigenFigurengestaltung schafft sie es, nicht nur die Figur Jesu, sondern auch dessen große Familie lebendig werden zu lassen. Dem Bibelfesten legt sie immer wieder erstaunliche Momente nahe, indem sie Situationen schafft, in denen dem jungen Jesus Erkenntnisse gegeben werden, die er später in seinen Lehren verkünden wird. Schwierig sind einige Momente, die einen Theologiestudenten zweifeln lassen - die aber für die Logik der Geschichte tatsächlich unabdingbar sind. Die Versuche des jungen Jesus, seine Umwelt zu beeinflußen, das Auferwecken von Toten, Heilen von Kranken laviert anfangs gewagt am Abgrund des Albernen entlang, so wie es schon in den apokryphen Evangelien oder in Moores 'Bibel nach Biff' geschah. Zu einem großen Teil liegt das aber eben auch am Leser. Es ist absolut ungewohnt aus der Sicht eines siebenjährigen Jesus zu lesen. Und im Unterschied zur beinahe schon schwülstig-selbstüberzeugten Historienschilderung eines Gerald Messedie liefert Anne Rice eine Einsicht in eben genau die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten sowohl der Rekonstruktion als auch vor allem der Haupfigur selber. Die Grundlagen des christlichen Glaubens setzen diese Geschicht ebeinahe voraus - so seltsam sie sich auch liest.

Erst im zweiten Blick aufsehenerregend ist die lebensecht aufgebaute Atmosphäre iener Familie, die aus Ägypten nach Israel zurückkehrt und dort in die blutigen Auseinandersetzungen in Jersualem gerät. Die Lebendigkeit mit der altbekannte Bibelgeschichten als kurze Schilderungen in den Lebensalltag integriert werden, die einfache Sprache mit der die Gestalten sich unterhalten - all das macht das Buch zu einer wunderbaren Folie, mit der, oder auch gegen die sich das Neue Testament tatsächlich lesen läßt.

Trotzdem: Es ist keine leichte Lektüre, weder für den Gläubigen, noch für den Nichtgläubigen - und für den Vampirromanliebhaber wahrscheinlich am wenigsten. Aber nichtsdestotrotz bin ich durchaus ziemlich gespannt auf die Fortsetzungen.
4.11.08 19:58


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