Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen/ Der liebliche corall der lippen wird verbleichen; Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand/
Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand/ Für welchen solches fällt/ die werden zeitlich weichen/ Das haar/ das itzund kan des goldes glantz erreichen/ Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß/ die lieblichen gebärden/ Die werden theils zu staub/ theils nichts und nichtig werden/ Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen/ Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen/ Dieweil es die natur aus diamant gemacht.
[Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau]
Die Pointe sei hier vorweggenommen, es gibt einen wunderbaren Hinweis von Norbert Elias über die Deutung des Gedichts:
Im Kreise des Dichters wird man über die Pointe des Gedichtes geschmunzelt haben, dem gegenwärtigen Leser entgeht sie allzu leicht. Hofmannswaldau sagt der spröden Schönen, daß ihre ganze Schönheit im Grabe vergehen wird, ihre Korallenlippen, ihre schneeweißen Schultern, ihre blitzenden Augen, ihr ganzer Körper wird zerfallen - bis auf das Herz, das offenbar steinhart ist wie ein Diamant, da sie ihn ja nicht erhören will. Auf der Palette zeitgenössischer Empfindungen - und Gedichte - gibt es kaum eine Parallele zu dieser Mischung von Grabeston und Schelmerei, detaillierter Beschreibung des menschlichen Zerfalls als Schachzug in einem Flirt." [Norbert Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, Frankfurt a.M., 1982, 36.]
Dank des Internets hat man nun die Möglichkeit in einige engagierte Schülerinterpretationen hineinzulesen. Und die oben erklärte Pointe wird häufig nicht wahrgenommen. Exemplarisch zwei Beispiele: "Einzig das Herz geht nicht unter, denn es ist aus Diamant gemacht, wie es in den beiden letzten Zeilen des Sonetts, die stets die zentrale Aussage beinhalten, heißt. Das Herz und der Diamant, mit dem es verglichen wird, stehen hier für die unberührbare und zeitlose Ewigkeit. Auch viele Indianervölker sagen, das Herz sei das Unbefleckte, Unberührbare. Sie haben das Herz an Stelle einer unsterblichen Seele." Interpretation von Sven Richter, Adolf Weber Gymnasium, München
"Das einzige, das laut Christian Hofmann von Hofmannswaldau „zu aller Zeit bestehen“ (V.13) kann, das ist das „hertze“, welches hier symbolisch für die Seele steht. Durch den Begriff „diamant“ (V. 14) wird darauf verwiesen, dass die Seele das einzige natürliche Produkt des Menschen ist, welches auch nach dem Tod weiterhin existieren kann." Interpretation von Anja Maria Steffens, Deutsch-Leistungskurs (Klasse 12)
Ähnlich auf Plattformen, die Schülern helfen sollen: "Doch bei genauerem Lesen erkennt man, dass bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau nicht alles wirklich vergeht, es verändert nur seine Form oder Farbe (Die Lippen werden bleich, der Fuß zu Staub). Das zeigt, das es noch Hoffnung auf ein weiteres Leben gibt. Dies bestätigt Hoffmannswaldau in den letzten 2 Zeilen, in denen er sagt, dass das Herz, die Seele, für immer und ewig bestehen wird, da es aus etwas Unvergänglichem gemacht wurde, Diamant. Hier kommt der Glaube an die Auferstehung zum Vorschein, der Körper vergeht, aber die Seele bleibt bestehen, auch ein typisch barockes Denken." Interpretation auf schulzeux.de
Überall trifft man auf die mindestens zu kurz gegriffene Deutung des Herzens als "Seele", auch in Veröffentlichungen die direkt mit dem Zentralabitur verknüpft scheinen: "Diese Aussage hat auch eine im Einklang mit der Natur inne wohnende Dimension. Denn das Herz, also die Seele und damit das eigentliche Wesen des Menschen ist im Vergleich zu seinem Körper von der „Natur aus Diamant gemacht“ (vgl. V. 14) wurden. In diesem Sinne vertritt Hoffmannswaldau eine pantheistische Weltansicht, die darauf abzielt, dass die Natur, da Mensch und Gott eine Einheit bilden. Folglich hat das vorliegende Gedicht auch eine religiöse Dimension. Fraglich bleibt jedoch, ob das Herz des Menschen wirklich eine transzendente Funktion hat, denn immerhin ist das Herz auch ein Körperorgan. Daran anknüpfend erscheint Hoffmannswaldau sehr obsolet im Hinblick auf die modernen Naturwissenschaften." Interpretation für eine Abiturprüfung LK Deutsch 2007
"Am Ende jedoch gibt das lyrische Ich mit dem Wort „hertze“, das „zu aller Zeit bestehen“ (V. 13) könne, wieder Hoffnung. Das Herz – möglicherweise ist hier der Glaube an Gott gemeint – sei viel wichtiger als alle Schönheit. Die Beschaffenheit des Herzens, es ist aus „diamant“ (V. 14), kennzeichnet anschaulich dessen Dauerhaftigkeit und Festigkeit. Trotz seiner, aufgrund von Kriegserfahrungen für den Barock typischen, negativen Denkweise, die die Vergänglichkeit des Seins in den Vordergrund stellt, hofft das lyrische Ich auf die von Herzen kommende Liebe, auf die Festigkeit des Herzens und des Glaubens." Informationszeitschrift "Deutsch in der Oberstufe" des Städtischen Gymnasiums Olpe"
Wunderbar erfrischend ist da der Bericht über eine Untersuchung zweier ähnlicher Schülerinterpretationen und des aktuellen Punktesystems durch eine Seminar an der Uni Jena. Nach lesenswertem Bericht findet sich gegen Ende: "Dieser Katalog lässt vermuten, dass das Gedicht von den Lehrern, welche diesen Katalog erstellt hatten, nicht vollends verstanden wurde. Denn er bewegte sich auf einer sehr oberflächlichen Interpretationsebene und berücksichtigte in keiner Weise die tiefere Bedeutung, die dem Gedicht innewohnt. So wurde beispielsweise in diesem Katalog von den Schülern erwartet, dass sie das epochenspezifische Frauenbild (Vorrang der inneren Werte vor den äußeren) analysieren und herausarbeiten sollten. Da dieses Gedicht jedoch eine stilisierte Frau darstellt, die in diesem Moment nur auf ihr Äußeres reduziert wird, ist es nicht möglich, dass die Schüler diese Erwartung erfüllen können. Des Weiteren wurde auch nicht in vollem Umfang auf die Pointe des Gedichts eingegangen. Daraus ergaben sich für die Lehrer, welche die Aufsätze zu kontrollieren hatten, zwei Probleme. Einerseits lässt sich vermuten, dass sie selber Verständnisprobleme hatten und andererseits waren sie durch den Katalog in ihrer Bewertung stark eingeschränkt, auch wenn sie das Gedicht in vollem Umfang verstanden hatten." Auseinandersetzung der Uni Jena mit zwei Interpretationen Und dass das alles auch für den Lehrer nicht so einfach ist, belegt die Auseinandersetzung in den lehrerforen.de.
Die Frage bleibt aber: Gehen wir nicht einer Schulform entgegen, in der individuelle Texte nach einem Schema bearbeitet werden - und vergessen dabei die eigentlichen Bedeutungen der Texte? Deuten wir nicht tendenziell eher hinein als heraus - und müssten wir nicht gerade an der Schule die Fähigkeit lehren, genau das nicht zu tun? - Ist das nicht alles um so eher der Fall, je mehr man sich bemüht alles an strenge Regeln im Namen der Gleichmachung zu koppeln?
Pfingsten 1887 untersuchen drei Ärzte Theodor Storms "Magenkrebs" und nennen ihn -absichtlich falsch- lediglich eine ungefährliche Ausstülpung der Aorta.
Mückenberger nennt die Namen und Beziehungen. "der Hausarzt Dr. Brinken sowie Storms Bruder, der Arzt Dr. Aemil Storm, und ein Bekannter Aemil Storms, der junge Kieler Medizinprofessor Dr. Glaevecke" (232.)
Storm wiederum spricht in einem Brief an seinen Sohn Karl von "Onkel Aemil" -sinnig weil es sein Bruder und somit der Onkel des Sohnes ist- und "sein[em] kindlich liebeswürdige[m] u. eminent tüchtige[m] Schwiegersohn Glaevecke".
In einem Brief an Wilhelm Petersen (3. Dezember 1887) spricht er allerdings von "Dr. Glaevecke, meinem Neffen".
Himmel was verwurschtelt!
- Heiner Mückenberger, Theodor Storm - Dichter und Richter, Baden-Baden 2001.
In seiner "Hamburger Dramaturgie" diskutiert Lessing verschiedene Theaterstücke. In einem Absatz über "Olint und Sophronia" von Cronegk schreibt er:
"Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den falschen Religionen, so wie in der wahren Unheil gestiftet, aber nicht weil sie Priester, sonder weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes gemißbraucht hätten.
Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien?"
“Cajus ist ohne Zweifel sterblich, weil alle Menschen, zu denen er ja selbst gehört, sterblich sind.
Inwiefern aber geht das Iwan etwas an? War Cajus etwas der Bruder Mitjas, Wolodjas und Katjenkas? Hatte er vielleicht den Geruch des aus Zedernstreifen zusammengesetzten Balles eingeatmet, den Wanja so geliebt hatte? Hatte für ihn die Seide des Faltenkleides der Mama gerauscht, hatte denn er genau über die Freuden, Leiden und Entzückungen Wanjas Bescheid gewußt?
Es ist ausgemacht, der Herr Golowin ist wie jeder andere, ist wie der Mensch schlechthin, dem Tode unterworfen. Doch in seinem tiefsten Innern ist Iwan kein Mensch schlechthin, und ich bin nicht Cajus! [...]
Allgemeiner gesprochen ist Herr X nur für die anderen ein Irgendwer, für sich selbst ist er ein auf der Welt einmaliges Schicksal und eine einmalige Biographie, ist eine absolut auf Einmaligkeit angelegte Existenz. In Iwans Erinnerung ist alles unersetzlich, unvergleichlich und unnachahmlich.
Die Originalität noch des banalsten Lebens ist auf ihre Weise einzigartig.
Ich, Iwan, Iljitsch, ich, Wanja, bin ein völlig einzigartiges Wesen, das nicht seinesgleichen hat.“
[Vladimir Jankélévitch, Der Tod, Frankfurt/M. 2005]
Beim Bearbeiten der Hausarbeiten wiedergefunden. Und so fern mir das Thema im wirklichen Leben ja nun wirklich sein dürfte. Die Verbindung von Sprache und Wahrheit rührt mich hier an. Und die Wucht der eingeflechteten Gefühle kitzelt meinen Trotz und meinen Stolz - und rührt mich an. Ganz tief in meinem Inneren. Da wo ich wirklich lebe...
"Die Sprache ist weitaus mehr als bloße Abbildung der Wirklichkeit, denn sie reguliert und prägt den Zugang zur Wirklichkeit und damit auch unser Bild von ihr. Zugleich ist Sprache aber auch nicht die Wirklichkeit, denn sie bildet sich wie im Verlauf der Menschheitsgeschichte insgesamt bei jedem Menschen im Rahmen seiner biologischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung erst heraus und wird von diesem Prozess entscheidend und jeweils unterschiedlich beeinflusst." [Udo Schnelle, Theologie des Neuen Testaments, Göttingen 2007, 21.]