Spätere Generationen werden vieleicht in der Uni lernen, was für ein goldenes Zeitalter die 80er Jahre des 20. Jh. gewesen sein müssen, wenn man dieses Zitat von Norbert Elias wiederentdeckt:
Verglichen mit der Antike ist die Identifizierung mit anderen Menschen, das Mit-Leiden mit ihrer Qual und ihrem Tod, gewachsen. Zuzusehen wie hungrige Löwen und Tiger Stück für Stück lebende Menschen auffressen, wie Gladiatoren sich mit List und Tücke gegenseitig zu verwunden und ermorden suchen, wäre kaum noch eine Freizeitbelustigung, der wir mit ebenso freudiger Erwartung entgegensehen würden wie die purpurgeschmückten römischen Senatoren und das römische Volk. Kein Gefühl der Gleichheit verband, wie es scheint, diese Zuschauer mit den anderen Menschen, die unten in der blutigen Arena um ihr Leben kämpften. [Norbert Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, Frankfurt a.M., 1982/1986, 9.]
Wenn ich mir so das Nachmittagsprogramm diverser Privatsender ansehe befürchte ich, wir bewegen uns zurück.
Den im alten Rom alles entscheidenden Daumen (der übrigens damals nie genutzt wurde, weil er eine Erfindung späterer Zeiten war) hat man bei Britt zum Beispiel nur deshalb nicht eingeführt, weil er einen zusätzlichen Kameraschwenk auf das Publikum in entscheidenden Momenten erfordern würde.
Kollektive Buh-Rufe und höflicher Applaus, der mich immer an Asterix bei den Briten erinnert tun das ihrige.
Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht, sagt man. Und was macht der Henkel? - Der lümmelt sich als einziger bei Sandra Maischberger im Sessel, wie anno dazumals Gerhard Schröder in der Elefantenrunde. Und gibt dabei höchst zweifelhafte Einschätzungen von sich.
Man kann über Thilo Sarrazin verschiedener Meinung sein, mich stört aber prinzipiell die Vorverurteilung, die in massiver Weise medial geschah. Und in diesem einen Punkte stimme ich mit Herrn Henkel sogar überein. Aber die Emotionalisierung - und vor allem seine gänzliche Uninformiertheit über "den" Islam läßt mich unruhig werden.
Ich bin selber kein Fachmann für Islamwissenschaften, aber als Beinahe-Diplom-Theologe in den letzen Zügen habe ich doch bestimmte Überzeugungen, die sich gottseidank mit persönlichen Er.leb.nissen überschneiden.
Ja, es stimmt schon, als ich aufwuchs sah die Wirklichkeit anders aus. In meiner Grundschulklasse gab es wenige ausländische Mitschüler (und das obwohl diese Grundschule schon sehr früh einen vergleichsweise hohen Ausländeranteil hatte). Und einige davon fielen mehr auf, andere weniger. Aber allesamt waren sie Mitschüler, alle waren sie Kinder, die ich kannte.
Ich merkte durchaus, dass es nicht immer glatt ging - ich bekam große Feindseligkeiten zwischen Türken und Kurden mit, die sich auch im Klassenalltag niederschlugen. Wegen einer familieninternen Fehde wurden eine Mitschülerin und ihr Bruder ermordet - und ich begriff damals vermutlich nicht ansatzweise, was da geschehen war. Wir sprachen aber auch nicht darüber in der Klasse - und ich erfuhr es erst einige Wochen später.
Nichts davon aber führte dazu, dass ich die Mitschüler hinsichtlich ihrer Herkunft sortierte. Stattdessen gab es genau das, was es bei jedem gibt: Manche, die ich mehr mochte, manche die ich gar nicht mochte - und ein breites Mittelfeld.
Und wie sieht es heute aus? Ein durchaus repräsentativer Anteil meiner Mitarbeiter stammt, wenn mans denn unbedingt bewußt betrachten will, aus anderen Ländern oder Kulturkreisen ab. Nur dass es mir im Alltag kaum auffällt - bzw. allerhöchstens in der kurzen Zeit, wenn ich den Namen einer Neueinstellung höre - und die Person noch nicht kennengelernt habe. Wenn da ein Vorzeigename wie "Mustafa" auftaucht besteht eine kurze Irritation. Die besteht aber auch, wenn da ein allzudeutscher Name auftaucht. Ein "Helmut" würde - als Name - auch bestimmte Assoziationen hervorrufen - bis man den Menschen eben kennenlernt - und das kann durchaus einige Tage dauern.
Mein Punkt aber bleibt: Ich unterscheide da keine Typen, ich bin (um bewußt zu überspitzen) "rassenblind". Ich arbeite nicht mit Nationalitäten, sondern mit Kurt, Eva, Hicham, Anuschka, Angela und Fatima. Und die Reihenfolge meiner Aufzählung hier ist absolut irrelevant. Besser noch: Um alles gänzlich zu verwischen meint in der Aufzählung Anuschka eine junge Chinesin, Fatima eine blonde Deutsche und Angela einen schwulen Russen. - Was natürlich zwar eine Behauptung aber Blödsinn ist. Tatsächlich aber hieß ein türkischer Mitarbeiter Kurt - als Kurzform von Kurtulus. Und ich habe in den letzten zehn Jahren immer wieder gelernt Namen auszusprechen, die mir zuvor fremd waren.
Will sagen: Unterscheidungen nach Nationalitäten sind in bestimmten Kontexten vielleicht sinnvoll - bei Volkszählungen und bei Bedienungsanleitungen. Im Alltag halte ich sie jedoch für wenig zielführend. Und im Fußball sind sie ja inzwischen sogar schon gänzlich irrelevant.
Bei Shakespeare heißt es so schön, dass eine Rose auch noch dann gut riechen würde, wenn sie anders hieße. Konsequent heißt das: Romeo und Julia wären nicht weniger füreinander bestimmt wenn Julia plötzlich Senitza hieße.
Fragt sich, woher die ganze Aufregung kommt? Meine bescheidene Meinung ist unwissenschaftlich, und insofern simpel und doch nicht unkompliziert. Es ist ein vielgebackenes Allgemeinplätzchen, dass jeder fast überall ein Ausländer ist. Vielleicht ist es tatsächlich eine Besonderheit der Deutschen dass sie zu denen gehören, die sich auch im eigenen Land nicht zu Hause fühlen.
Nur: Der Fehler besteht darin, hier eine Diskussion zu starten die das mit den Real-Ausländern verknüpft - und dabei dann auch noch zu übersehen, dass eine Vielzahl derer, die man optisch für Ausländer halten könnte, in Wirklichkeit eine bewundernswerte deutsche Identität besitzen. Bewundernswert daher weil ich sie selber nicht habe.
Denn wenn es so etwas wie eine deutsche Seele gibt, dann ist ihr vielleicht genau das eigen: Ein Knacks in der Identität. Eben weil sie sich immer schon aus so vielen verschiedenen Kulturen zusammensetzte. Ein zerbrochenes Frankenreich - durch die Reformation in seinem Flickenteppichmuster noch verstärkt (man vergleiche das alte Gedicht Was ist des deutschen Vaterland)- und nach einer Vereinigung durch zwei Weltkriege auseinandergebrochen und nur vermeintlich wieder zusammengewachsen. Ich vermute, dass es gerade diese Identitätskrise war, die in ein drittes Reich führte, wo man das Ego so wunderbar sichtbar aufpolieren konnte, als ob man mehr wäre als man fühlte. Und danach folgte die große Skepsis gegen alles, was identitätsstiftend wirken könnte - die ja eine durchaus unklug formulierende Eva Herrmann in die Hexenverbrennungsfalle des deutschblonden Pseudoaufkläreres Kerner laufen ließ. Weshalb ich vorsichtshalber gleich dabei sage: Die Lösung liegt fü mich nicht in einem künstlichen Nationalismus. Meine Vermutung erklärt allerdings, woher ein solcher sein Potential erhält.
Den sogenannten "Ausländern" - die man mit dem gutgemeinten Begriff des "Migrationshintergrundes" übrigens genauso stigmatisiert wie man das schon seit den 80ern mit den Rollen von Quotenfremden im deutschen Fernsehen tut (gutmeinendes Bildungsbürgertum kann manchmal schlimmer sein als ein friedfertig Parolen lallender Kneipengast - eben weil sie es besser wissen müssten...) - eben diesen kann man somit nur drei Perspektiven bieten: Sie werden langfristig in einem Land leben, in dem sie sich deutscher fühlen, als die Einhemischen, sie werden in einem Land leben, in dem sie sich überhaupt nicht angenommen fühlen - oder sie werden in einem Land leben, in dem sie sich mit den Eingeborenen gerade dadurch verbunden fühlen, dass sie ein latentes Gefühl von Heimatlosigkeit annehmen, weil es sich so leicht nicht mit deutschen Fahnen wegwinken lässt. Persönlich ist mir die letzte Variante als Übergangsweg am sympathischsten - aber ich habe vollstes Verständnis wenn angesichts solcher Optionen eine auffällig große Menge abwandert.
Und da kommt nun auch noch Olaf Henkel an und sagt, der Islam wäre als Kultur nicht kompatibel. Man kann darüber sicher streiten und diskutieren. Mir jedenfalls fiel spontan die Frage ein, wie überzeugt die Römer von der Kultur der Teutonen waren - optisch auf den Punkt gebracht in den unästhetisch quergeschnittenen Möhren im Kochtopf, wo der Römer seit Jahrhunderten längs schnitt. Auch wenn's manche verdrängen möchten: Wir stammen von den Barbaren ab - was man in den siebzigern zumindest optisch nochmal erahnen konnte.
Was mich dabei zutiefst ärgert, weil ich es für kontraproduktiv halte, ist die kulturelle Arroganz, mit der emotional auf diverse Zustände in islamischen Ländern hingewiesen wird. Argumentativ ist das hochkomplex und schwierig darzustellen. Und ich bin weit davon entfernt, sagen zu wollen, "wir" wüßten es besser, und "die" wären halt noch nicht so weit. Um es aber trotzdem zu relativieren: Das Frauenwahlrecht haben wir (immerhin) seit neunzig Jahren. Was aber noch lange nicht Gleichberechtigung heißt, von der ich inzwischen annehme, sie habe sich trotz Alice Schwarzer durchsetzen können. Noch in den sechziger Jahren gab es hochinteressante Fernsehbeiträge anläßlich der Einführung des Führerscheins für Frauen. Männer hielten es für entwürdigend auf dem Beifahrersitz zu sitzen und waren somit immer noch Fahrzeug- und Frauenhalter.
Wir kommen doch nicht darum herum: Wir können weder als Deutsche noch als Europäer so überheblich sein, anderen unsere Kultur als die bessere aufzuzwingen. Das einzige was langfristig funktioniert ist Dialog. Und der muss (im Unterschied zu anderen Körperteilen) genau eines sein: offen.
Das ist übrigens ironischerweise eine Kernidee des Christentums. Wir betonen leider innerlich falsch: Aber wenn Jesus sagt "Ihr sollt sogar eure Feinde lieben" - dann fügt er an: "Was ist es für eine Leistung die zu lieben, die Dich sowieso schon mögen?". Und der Islam kennt eine sehr ähnliche Sicht. Gerade weil ich aber ihn nicht mit meinen Ansichten besetzen will, werde ich jetzt keinen weiteren Monolog verfassen wie er genau ist. Sondern lediglich zu bedenken geben, dass eine persönliche Begegnung abseits von Vorurteilen der einzige gangbare Weg sein dürfte. Und die funktioniert nicht, wenn man einen Ausländer am Nasenring (den er nicht aus kulturellen Gründen trägt, sondern weil er im von den Medien verpasst wurde) durch die Manege zieht.
Wir brauchen keine Freakshow und auch keinen Streichelzoo. Wir brauchen ein menschliches Miteinander, weil genau das nämlich auch ein verletzungsfreies Umfeld schafft, in dem beide Seiten Fragen stellen können, die erst dann möglich werden, wenn eine Basis des Vertrauens besteht. Uand die kann man nicht von anderen einfordern - die muss man (zumindest als Mensch - wenn auch nicht als Politiker) selber leben. Ohne Bedingungen, ohne Forderungen. Denn "Liebe" jedweder Art ist genau das: Freiheit. Anerkennung des Anderen als Anderem. Nicht als vornehmlich Fremdem, aber doch als einem von mir Unterschiedenen, der ein Recht auf sich selber, auf seine eigenen Werte hat. Und es wäre erst auf dieser Basis dann die Aufgabe einer wirklichen Aufklärung (die in Europa gerüchteweise bereits stattgefunden hätte), im Dialog bestimmte Konzepte zu hinterfragen. Sofern man den Mut hat auch an eigenen Grundüberzeugungen rütteln zu lassen.
Man lese Korczaks "König Macius" - der mit Kannibalen befreundet sein kann und es durchaus nicht mag, dass sie Menschen essen. Man lese Karl May, der als lyrisches Ich von seinem Christentum sehr überzeugt ist - aber sich gegen jedwede Form von Zwangsmissionierung wendet. Das sind doch eigentlich die Folien die wir brauchen - nicht die Kulturimperialisten, die von einer besseren Welt reden, die aber keine ist, wenn sie erzwungen wird, sondern nur wenn sie wächst und entsteht.
Bleibt zum Schluß die nicht ganz unerst gemeinte hermeneutische Beobachtung: Wenn nicht alle Tassen im Schrank einen Henkel haben - dann sind es Becher. Wenn aber ein Henkel nicht alle Tassen im Schrank hat - dann hoffe ich dass dieser Kelch an uns vorüber geht. Becher wär' das!
[Assoziationen zu "Menschen bei Maischberger" vom 30.11.10]
Michael: Give me back my tuppin!" [Mary Poppins, 1964]
Da sind ein paar Leutchen sauer auf die Banken. Und wollen das deutlich machen. Darum planen nun nach Aufruf durch einen französischen Exfußballer bis zu 13.000 Menschen am 7. Dezember (dem "Bankrun"-Day) synchron ihr Geld abzuheben um die Banken abzustrafen und ihnen das Kapital für ihre Finanzmarktgeschäfte zu entziehen. Eine gute Nachricht für professionelle Einbrecher, deren zu erwartende Umsätze damit steigen dürften.
Es erinnert mich ein wenig an Mary Poppins, wo der kleine Michael nur seine beinahe wertlose Münze zurückhaben will - und von der Volksmenge mißgedeutet wird: Die Bank sei beinahe pleite. Und es beginnt ein Run auf die Auszahlungsschalter der Bank, der diese beinahe in den Ruin treibt.
Und in einem Monat sehen wir uns dann in den Weihnachtsferien wieder "Ist das Leben nicht schön?" an - und verdrücken ein paar Tränchen wenn George Bailey fast bankrott geht, weil in seiner Bank genau dasselbe passiert: Weil man glaubt die Bank sei bankrott wollen alle Kunden zur Konkurrenz wechseln.
Es gibt da jedoch nach meiner bescheidenen und unbankfachmännischen Ansicht ein paar Denkfehler.
Es heben nämlich nicht alle ihr Geld von den Banken ab. Sondern bestenfalls diejenigen, die tatsächlich etwas im HABEN haben und nichtmals alle von denen.
Das Ganze ist somit höchstens ein Happening und Medienspektakel. Aber außer ein paar leergeräumten Automaten wirds nicht viel mehr bewirken. Denn wenn die einfach nicht nachgefüllt werden wird sich die Abhebewelle in Grenzen halten. Zudem ändert es nichts an Status Quo. Wenn ich bei Monopoly mitten im Spiel kurz vor Schluß die Scheine verbrenne ändert sich am Spielstand ja trotzdem nichts...
Denn - ganz im Gegenteil - in der Zeit wo das Geld zuhause unterm Kopfkissen lagert muß die Bank keine Zinsen zahlen -kann aber weiter höhere Zinsen von denen einnehmen, die im Minus sind. - Die Bank gewinnt immer.
Feinsinniger waren da -man mags kaum sagen- die Amerikaner als sie Anfang des Jahres mit der Kampagne "Move your money" dazu aufriefen das Geld von den großen Investmentbanken abzuziehen und in kleinere, lokalere Banken zu investieren. (welt.de vom 9.1.10) - Zusammengebrochen ist die Wirtschaft deswegen aber auch nicht.
Eine sehr effektive (und utopische) Möglichkeit gäbe es nämlich, die Macht der Banken tatsächlich empfindlich zu schädigen - aber die ist so christlich wie unangenehm: Das Geld nicht etwa auf eine andere Bank zu bringen, sondern auf ein anderes Konto zu transferrieren. Eines das im Minus ist. Und der Bank somit die Grundlage für die (für sie bedeutsamen) Einahmezinsen zu nehmen.
Oder anders formnuliert: Die Banken wieder so wenig notwendig sein lassen, wie das früher mal der Fall war. Sie in den Status von lokalen Geldinstituten zurückversetzen, die sich nur um die umliegenden Dörfer kümmern. Was nur funktioniert, wenn der Haushalt im Umkreis ausgewogen genug ist, dass die Bank sich von einer anderen Bank kein Geld leihen muss.
Immer wenn ich fair gehandelte Schokolade sehe muß ich an Zigaretten denken. Denn beides schmeckt anfangs beschissen, aber hinterläßt langfristig so ein gutes Gefühl.