Tobias' Gedanken

  Startseite
    Eigenes
    - Lieder
    - Gedichte
    - Texte
    - Imitationen
    - Bilder
    - Erklärbär
    - Gedanken
    - privatissimo
    - Träume
    Musik
    - Lady Lily & MIB
    - Jewel
    Bücher
    - Comics
    - Karl May
    - J.R.R. Tolkien
    - Sven Böttcher
    Filme & Serien
    Hörspiele
    - Christian Peitz
    Mediengemauschel
    Eindrücke
    Theater
    Kino
    Helden
    in memoriam memorandum
    zitiert
    Sprache
    Rel. & Stud.
    Internet
    - Kate
    - Abbe
    - blogintern
  Über...
  Archiv
  jpc als Partner
  Christian Peitz (Übersicht)
  Karl May - Werke und Bearbeitungen
  Filme A-Z
  Durbridge - Hörspiele und Filme
  Flitze Feuerzahn
  Links
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   



Tobias K.. Get yours at bighugelabs.com/flickr



http://myblog.de/tragophil

Gratis bloggen bei
myblog.de



 
- privatissimo

Helm Stierlin - Über die Familie als Ort psychosomatischer Erkrankungen

"Beide Ehepartner konnten in der Tat schnell eingestehen, daß es ihnen unvorstellbar war, sie könnten alleine - ohne den anderen - überleben. Diese Vorstellung beschwor bei ihnen sofort massivst angstbesetzte Bilder von kindlicher Verlassenheit, von Ausgesetztsein, von Verlorenheit und Heimatlosigkeit herauf, die sie dann augenblicklich abwerteten, indem sie sich selbst und dem anderen bekräftigten: Wir halten immer zusammen, wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wir gehen niemals auseinander [...]

Beide teilten weiter die Grundannahme: Mir geht es nur gut, wenn es dem anderen gut geht. Darin kam ein von ihren Ursprungsfamilien gleichsam nahtlos übernommenes Familiencredo zum Ausdruck. Dieses Credo besagt, man müsse eigene Neigungen und Bedürfnisse, die den Partner belasten könnten, unterdrücken, vor allem aber alle soganennten egoistischen Bedürfnisse und aggressiven Neigungen. [...]

1. Kommt es nun fast zwangsläufig zu einem (verdeckten) Konkurrenzkampf darum, wer der mehr Gebende und daher der moralisch Höherwertige ist. [...]

2. Kommt es nun zu maximaler Nähe, bei gleichzeitiger maximaler Blockade des emotionalen und gedanklichen Austausches, eines Zustand, von dem sich leicht vorstellen läßt, daß er die Betroffenen sowohl psychisch als auch somatisch aufs Höchste belastet. Einerseits erleben sie sich auf Dauer untrennbar zusammengepfercht und damit angespannt und eingeengt, andererseits sind die Kanäle für emotionale bzw. vegetative Entladungen blockiert. [...]

Auch das dritte genannte 'psychosomatische Moment' - ein kompromißloses und starres Entweder-Oder-Denken - ließ sich bei den Partnern beobachten. Allerdings manifestierte es sich bei beiden in etwas unterschiedlichen Bereichen. Beim Ehemann zeigte es sich vor alem in der Radikalität, mit der er sich immer wieder für eine 'gerechte Sache', zuletzt die des Umweltschutzes, einsetzte. Da gab es für ihn nur ein Entweder-Oder, gab es für ihn nur Gegner oder Anhänger, nur den totalen einsatz oder das totale Versagen. Hier waren harte Auseinandersetzungen vorporgrammiert: Er fand/schaffte sich den Feind, den er brauchte, an dem er sich bewährte. Das ging jedoch nur so lange, als dem außerhäuslichen Kriegsschauplatz ein Szenarium absoluten häuslichen Friedens gegenüberstand. [...]
Auch bei ihr kam nunmehr ein Entweder-Oder-Denken ins Spiel, das dem seinen teilweise komplementär war. Es zeigte sich vor allem in der Grundvorstellung: Ich bin entweder besonders gut, bin Spitze - sei dies als Wissenschaftlerin, als Mutter, als Musikerin, als Sportlerin, als Partnerin meines Mannes -, oder ich bin nichts, bin ein totaler Versager, bin wertlos. Dieses Rezept führte dann auch zwangsläufig dazu, daß sie das Leben immer wieder als sinnlos, die Zukunft als düster erlebte und sich in ihr depressives Loch fallen ließ.

[...]

Im Rahmen des individuellen und familiären Lebenszyklus werden immer wieder neue Entwicklungs- und Individuationsschritte fällig. Es muß immer wieder eine neue, für alle Beteiligten akzpetable Balance von Nähe und Distanz, von Eigenständigkeit und Gemeinschaft, von gegenseitig bestätigten Rechten und Pflichten ausgehandelt werden. In dem notweindigen familienweiten Prozeß der Ko-Individuation und Ko-Evolution stellt dann die Ablösung heranwachsender Kinder eine besonders wichtige Phase und Herausforderung dar. Sie verlangt nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Eltern mehr Verselbständigung, mehr Umorientierung, mehr Besinnung darüber, ob und wie es in der Beziehung weitergehen kann."

[Helm Stierlin, Individuation und Familie, Frankfurt a.M. 1994, 67-72.]

22.7.11 16:57


Wie sagte die bezaubernde Frau an meiner Seite heute ganz leise...

"Lass Dich nicht klein machen.

Erst recht nicht von so einem Zwerg.

Lass ihn stampfen."
26.4.11 03:49


Ständerware und Osterartikel

Ein stinknormaler Einkauf eigentlich. Wir entern den Drogeriemarkt für diverse Artikel, die unterschiedlichsten Gründen zugeordnet werden.

Zum Beispiel genießt die Lieblingsmitbewohnerin es ja unglaublich, den Rücken massiert zu bekommen. Und ich habe einen Heidenspaß immer mal wieder neue Badesalze mit abstrusen Namen auszuprobieren. Und hüpfe verliebt durch den Markt als ich ausgerechnet in der Kinderabteilung ein Badethermometer finde. Und zudem ist mein Deo fast alle...

Doch dann steh ich plötzlich kurz vor der Kasse und lege meine Stirn in gehegte und gepflegte Sorgenfalten.

Einkaufszettel"Schatz... was denken die bloß, wenn ich das gleich aufs Band lege?"

Und starre auf Deo, Massageöl, eine verschämt dazwischen gesteckte Packung Kondome, ein Badethermometer in Nilpferdform und eine Packung Badesalz, Marke "Schmutzfink". "

"Fehlt eigentlich nur noch eine Packung Kopfschmerztabletten..." lästere ich.

Da zupft mich meine bezaubernde Mitbewohnerin am Ärmel und zeigt mit feistem Grinsen auf das Regal neben uns.

Und ich sehe ausgerechnet ...

... Eierfarben.
27.2.11 00:42


Zusammenzugstagebuch, Teil I

8:00 Gerade erst aufgewacht. Und der Verdacht, die Freundin koche nicht nur in der Küche Kaffee sondern übe bereits fürs nächste Topfschlagen bestätigt sich nicht.

Stattdessen richtet Tim Allen im Nebenhaus die nächste Tooltime-Filiale ein.
24.1.11 09:27


Kafka... Ich hätte gerne mal ein Bier mit ihm getrunken... und ein langes Gespräch geführt...

Vorbemerkung: Es ist abstrus. Aber ich fand zuerst den Text und sah erst ganz zu Schluß gerade das Datum... Unbewußtes am Werk?

Liebster Vater,

Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wußte Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als daß ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche, Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil die Größe des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.

Dir hat sich die Sache immer sehr einfach dargestellt, wenigstens soweit Du vor mir und, ohne Auswahl, vor vielen andern davon gesprochen hast. [...] Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst (mit Ausnahme vielleicht meiner letzten Heiratsabsicht), aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit. Und zwar wirfst Du es mir so vor, als wäre es meine Schuld, als hätte ich etwa mit einer Steuerdrehung das Ganze anders einrichten können, während Du nicht die geringste Schuld daran hast, es wäre denn die, daß Du zu gut zu mir gewesen bist.

Diese Deine übliche Darstellung halte ich nur so weit für richtig, daß auch ich glaube, Du seist gänzlich schuldlos an unserer Entfremdung. Aber ebenso gänzlich schuldlos bin auch ich. Könnte ich Dich dazu bringen, daß Du das anerkennst, dann wäre - nicht etwa ein neues Leben möglich, dazu sind wir beide viel zu alt, aber doch eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner unaufhörlichen Vorwürfe.

[...] Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und Urteilen mir zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wußte ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohneweiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.

Aber so war Deine ganze Erziehung. Du hast, glaube ich, ein Erziehungstalent; einem Menschen Deiner Art hättest Du durch Erziehung gewiß nützen können; er hätte die Vernünftigkeit dessen, was Du ihm sagtest, eingesehn, sich um nichts Weiteres gekümmert und die Sachen ruhig so ausgeführt. Für mich als Kind war aber alles, was Du mir zuriefst, geradezu Himmelsgebot, ich vergaß es nie, es blieb mir das wichtigste Mittel zur Beurteilung der Welt, vor allem zur Beurteilung Deiner selbst, und da versagtest Du vollständig. [...]
Knochen durfte man nicht zerreißen, Du ja. Essig durfte man nicht schlürfen, Du ja. Die Hauptsache war, daß man das Brot gerade schnitt; daß Du das aber mit einem von Sauce triefenden Messer tatest, war gleichgültig. Man mußte achtgeben, daß keine Speisereste auf den Boden fielen, unter Dir lag schließlich am meisten. Bei Tisch durfte man sich nur mit Essen beschäftigen, Du aber putztest und schnittest Dir die Nägel, spitztest Bleistifte, reinigtest mit dem Zahnstocher die Ohren. Bitte, Vater, verstehe mich recht, das wären an sich vollständig unbedeutende Einzelheiten gewesen, niederdrückend wurden sie für mich erst dadurch, daß Du, der für mich so ungeheuer maßgebende Mensch, Dich selbst an die Gebote nicht hieltest, die Du mir auferlegtest. Dadurch wurde die Welt für mich in drei Teile geteilt, in einen, wo ich, der Sklave, lebte, unter Gesetzen, die nur für mich erfunden waren und denen ich überdies, ich wußte nicht warum, niemals völlig entsprechen konnte, dann in eine zweite Welt, die unendlich von meiner entfernt war, in der Du lebtest, beschäftigt mit der Regierung, mit dem Ausgeben der Befehle und mit dem Ärger wegen deren Nichtbefolgung, und schließlich in eine dritte Welt, wo die übrigen Leute glücklich und frei von Befehlen und Gehorchen lebten. Ich war immerfort in Schande, entweder befolgte ich Deine Befehle, das war Schande, denn sie galten ja nur für mich; oder ich war trotzig, das war auch Schande, denn wie durfte ich Dir gegenüber trotzig sein, oder ich konnte nicht folgen, weil ich zum Beispiel nicht Deine Kraft, nicht Deinen Appetit, nicht Deine Geschicklichkeit hatte, trotzdem Du es als etwas Selbstverständliches von mir verlangtest; das war allerdings die größte Schande. In dieser Weise bewegten sich nicht die Überlegungen, aber das Gefühl des Kindes. [...]

Mir warst Du nichts Kurioses, ich konnte nicht auswählen, ich mußte alles nehmen.

Und zwar ohne etwas dagegen vorbringen zu können, denn es ist Dir von vornherein nicht möglich, ruhig über eine Sache zu sprechen, mit der Du nicht einverstanden bist oder die bloß nicht von Dir ausgeht; Dein herrisches Temperament läßt das nicht zu. In den letzten Jahren erklärst Du das durch Deine Herznervosität, ich wüßte nicht, daß Du jemals wesentlich anders gewesen bist, höchstens ist Dir die Herznervosität ein Mittel zur strengeren Ausübung der Herrschaft, da der Gedanke daran die letzte Widerrede im anderen ersticken muß. Das ist natürlich kein Vorwurf, nur Feststellung einer Tatsache. Etwa bei Ottla: »Man kann ja mit ihr gar nicht sprechen, sie springt einem gleich ins Gesicht«, pflegst Du zu sagen, aber in Wirklichkeit springt sie ursprünglich gar nicht; Du verwechselst die Sache mit der Person; die Sache springt Dir ins Gesicht, und Du entscheidest sie sofort ohne Anhören der Person; was nachher noch vorgebracht wird, kann Dich nur weiter reizen, niemals überzeugen. Dann hört man von Dir nur noch: »Mach, was Du willst; von mir aus bist Du frei; Du bist großjährig; ich habe Dir keine Ratschläge zu geben«, und alles das mit dem fürchterlichen heiseren Unterton des Zornes und der vollständigen Verurteilung, vor dem ich heute nur deshalb weniger zittere als in der Kinderzeit, weil das ausschließliche Schuldgefühl des Kindes zum Teil ersetzt ist durch den Einblick in unser beider Hilflosigkeit.

Die Unmöglichkeit des ruhigen Verkehrs hatte noch eine weitere eigentlich sehr natürliche Folge: ich verlernte das Reden. Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhnlich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verboten. Deine Drohung: »kein Wort der Widerrede!« und die dazu erhobene Hand begleiten mich schon seit jeher. Ich bekam vor Dir - Du bist, sobald es um Deine Dinge geht, ein ausgezeichneter Redner - eine stockende, stotternde Art des Sprechens, auch das war Dir noch zu viel, schließlich schwieg ich, zuerst vielleicht aus Trotz, dann, weil ich vor Dir weder denken noch reden konnte. Und weil Du mein eigentlicher Erzieher warst, wirkte das überall in meinem Leben nach. Es ist überhaupt ein merkwürdiger Irrtum, wenn Du glaubst, ich hätte mich Dir nie gefügt. »Immer alles contra« ist wirklich nicht mein Lebensgrundsatz Dir gegenüber gewesen, wie Du glaubst und mir vorwirfst. Im Gegenteil: hätte ich Dir weniger gefolgt, Du wärest sicher viel zufriedener mit mir. Vielmehr haben alle Deine Erziehungsmaßnahmen genau getroffen; keinem Griff bin ich ausgewichen; so wie ich bin, bin ich (von den Grundlagen und der Einwirkung des Lebens natürlich abgesehen) das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Daß dieses Ergebnis Dir trotzdem peinlich ist, ja daß Du Dich unbewußt weigerst, es als Dein Erziehungsergebnis anzuerkennen, liegt eben daran, daß Deine Hand und mein Material einander so fremd gewesen sind. Du sagtest: »Kein Wort der Widerrede!« und wolltest damit die Dir unangenehmen Gegenkräfte in mir zum Schweigen bringen, diese Einwirkung war aber für mich zu stark, ich war zu folgsam, ich verstummte gänzlich, verkroch mich vor Dir und wagte mich erst zu regen, wenn ich so weit von Dir entfernt war, daß Deine Macht, wenigstens direkt, nicht mehr hinreichte. Du aber standst davor, und alles schien Dir wieder »contra« zu sein, während es nur selbstverständliche Folge Deiner Stärke und meiner Schwäche war.

Deine äußerst wirkungsvollen, wenigstens mir gegenüber niemals versagenden rednerischen Mittel bei der Erziehung waren: Schimpfen, Drohen, Ironie, böses Lachen und - merkwürdigerweise - Selbstbeklagung.

Daß Du mich direkt und mit ausdrücklichen Schimpfwörtern beschimpft hättest, kann ich mich nicht erinnern. Es war auch nicht nötig, Du hattest so viele andere Mittel, auch flogen im Gespräch zu Hause und besonders im Geschäft die Schimpfwörter rings um mich in solchen Mengen auf andere nieder, daß ich als kleiner Junge manchmal davon fast betäubt war und keinen Grund hatte, sie nicht auch auf mich zu beziehen, denn die Leute, die Du beschimpftest, waren gewiß nicht schlechter als ich, und Du warst gewiß mit ihnen nicht unzufriedener als mit mir. Und auch hier war wieder Deine rätselhafte Unschuld und Unangreifbarkeit, Du schimpftest, ohne Dir irgendwelche Bedenken deshalb zu machen, ja Du verurteiltest das Schimpfen bei anderen und verbotest es.

[...] Es gab glücklicherweise davon allerdings auch Ausnahmen, meistens wenn Du schweigend littest und Liebe und Güte mit ihrer Kraft alles Entgegenstehende überwand und unmittelbar ergriff. Selten war das allerdings, aber es war wunderbar. Etwa wenn ich Dich früher in heißen Sommern mittags nach dem Essen im Geschäft müde ein wenig schlafen sah, den Ellbogen auf dem Pult, oder wenn Du sonntags abgehetzt zu uns in die Sommerfrische kamst; oder wenn Du bei einer schweren Krankheit der Mutter zitternd vom Weinen Dich am Bücherkasten festhieltest; oder wenn Du während meiner letzten Krankheit leise zu mir in Ottlas Zimmer kamst, auf der Schwelle bliebst, nur den Hals strecktest, um mich im Bett zu sehn, und aus Rücksicht nur mit der Hand grüßtest. Zu solchen Zeiten legte man sich hin und weinte vor Glück und weint jetzt wieder, während man es schreibt.

Du hast auch eine besonders schöne, sehr selten zu sehende Art eines stillen, zufriedenen, gutheißenden Lächelns, das den, dem es gilt, ganz glücklich machen kann. Ich kann mich nicht erinnern, daß es in meiner Kindheit ausdrücklich mir zuteil geworden wäre, aber es dürfte wohl geschehen sein, denn warum solltest Du es mir damals verweigert haben, da ich Dir noch unschuldig schien und Deine große Hoffnung war. Übrigens haben auch solche freundliche Eindrücke auf die Dauer nichts anderes erzielt, als mein Schuldbewußtsein vergrößert und die Welt mir noch unverständlicher gemacht.

Lieber hielt ich mich ans Tatsächliche und Fortwährende. Um mich Dir gegenüber nur ein wenig zu behaupten, zum Teil auch aus einer Art Rache, fing ich bald an, kleine Lächerlichkeiten, die ich an Dir bemerkte, zu beobachten, zu sammeln, zu übertreiben. Wie Du zum Beispiel leicht Dich von meist nur scheinbar höherstehenden Personen blenden ließest und davon immerfort erzählen konntest, etwa von irgendeinem kaiserlichen Rat oder dergleichen (andererseits tat mir etwas Derartiges auch weh, daß Du, mein Vater, solche nichtige Bestätigungen Deines Wertes zu brauchen glaubtest und mit ihnen großtätest). Oder ich beobachtete Deine Vorliebe für unanständige, möglichst laut herausgebrachte Redensarten, über die Du lachtest, als hättest Du etwas besonders Vortreffliches gesagt, während es eben nur eine platte, kleine Unanständigkeit war (gleichzeitig war es allerdings auch wieder eine mich beschämende Äußerung Deiner Lebenskraft). Solcher verschiedener Beobachtungen gab es natürlich eine Menge; ich war glücklich über sie, es gab für mich Anlaß zu Getuschel und Spaß, Du bemerktest es manchmal, ärgertest Dich darüber, hieltest es für Bosheit, Respektlosigkeit, aber glaube mir, es war nichts anderes für mich als ein übrigens untaugliches Mittel zur Selbsterhaltung, es waren Scherze, wie man sie über Götter und Könige verbreitet, Scherze, die mit dem tiefsten Respekt nicht nur sich verbinden lassen, sondern sogar zu ihm gehören.

Auch Du hast übrigens, entsprechend Deiner ähnlichen Lage mir gegenüber, eine Art Gegenwehr versucht. Du pflegtest darauf hinzuweisen, wie übertrieben gut es mir ging und wie gut ich eigentlich behandelt worden bin. Das ist richtig, ich glaube aber nicht, daß es mir unter den einmal vorhandenen Umständen im wesentlichen genützt hat.

[...] Es ist auch wahr, daß Du mich kaum einmal wirklich geschlagen hast. Aber das Schreien, das Rotwerden Deines Gesichts, das eilige Losmachen der Hosenträger, ihr Bereitliegen auf der Stuhllehne, war für mich fast ärger. Es ist, wie wenn einer gehängt werden soll. Wird er wirklich gehenkt, dann ist er tot und es ist alles vorüber. Wenn er aber alle Vorbereitungen zum Gehenktwerden miterleben muß und erst wenn ihm die Schlinge vor dem Gesicht hängt, von seiner Begnadigung erfährt, so kann er sein Leben lang daran zu leiden haben. [...]

Das, was Du Dir erkämpfen mußtest, bekamen wir aus Deiner Hand, aber den Kampf um das äußere Leben, der Dir sofort zugänglich war und der natürlich auch uns nicht erspart bleibt, den müssen wir uns erst spät, mit Kinderkraft im Mannesalter erkämpfen. Ich sage nicht, daß unsere Lage deshalb unbedingt ungünstiger ist als es Deine war, sie ist jener vielmehr wahrscheinlich gleichwertig - (wobei allerdings die Grundanlagen nicht verglichen sind), nur darin sind wir im Nachteil, daß wir mit unserer Not uns nicht rühmen und niemanden mit ihr demütigen können, wie Du es mit Deiner Not getan hast. [...]
Du siehst uns zwar, in scheinbarem Widerspruch hiezu, oft beisammen, wir flüstern, lachen, hie und da hörst Du Dich erwähnen. Du hast den Eindruck von frechen Verschwörern. Merkwürdige Verschwörer. Du bist allerdings ein Hauptthema unserer Gespräche wie unseres Denkens seit jeher, aber wahrhaftig nicht, um etwas gegen Dich auszudenken, sitzen wir beisammen, sondern um mit aller Anstrengung, mit Spaß, mit Ernst, mit Liebe, Trotz, Zorn, Widerwille, Ergebung, Schuldbewußtsein, mit allen Kräften des Kopfes und Herzens diesen schrecklichen Prozeß, der zwischen uns und Dir schwebt, in allen Einzelheiten, von allen Seiten, bei allen Anlässen, von fern und nah gemeinsam durchzusprechen, diesen Prozeß, in dem Du immerfort Richter zu sein behauptest, während Du, wenigstens zum größten Teil (hier lasse ich die Tür allen Irrtümern offen, die mir natürlich begegnen können) ebenso schwache und verblendete Partei bist wie wir. [...]

Ich hatte vor Dir das Selbstvertrauen verloren, dafür ein grenzenloses Schuldbewußtsein eingetauscht. [...]
Nun kannst Du ja hinsichtlich meiner Heiratsversuche manches mir antworten und hast es auch getan: Du könntest nicht viel Respekt vor meiner Entscheidung haben, wenn ich die Verlobung mit F. zweimal aufgelöst und zweimal wieder auf genommen habe, wenn ich dich und die Mutter nutzlos zu der Verlobung nach Berlin geschleppt habe und dergleichen. Das alles ist wahr, aber wie kam es dazu?

Der Grundgedanke beider Heiratsversuche war ganz korrekt: einen Hausstand gründen, selbständig werden. Ein Gedanke, der Dir ja sympathisch ist, nur daß es dann in Wirklichkeit so ausfällt wie das Kinderspiel, wo einer die Hand des anderen hält und sogar preßt und dabei ruft: »Ach geh doch, geh doch, warum gehst Du nicht?« Was sich allerdings in unserem Fall dadurch kompliziert hat, daß Du das »geh doch!« seit jeher ehrlich gemeint hast, da Du ebenso seit jeher, ohne es zu wissen, nur kraft Deines Wesens mich gehalten oder richtiger niedergehalten hast.

[...] So können natürlich die Dinge in Wirklichkeit nicht aneinanderpassen, wie die Beweise in meinem Brief, das Leben ist mehr als ein Geduldspiel; aber mit der Korrektur, die sich durch diesen Einwurf ergibt, einer Korrektur, die ich im einzelnen weder ausführen kann noch will, ist meiner Meinung nach doch etwas der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, daß es uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann.

Franz

[Franz Kafka, Brief an den Vater]



Links:
- Volltext im Projekt Gutenberg
- Wikipedia (Übersicht)
- ausführliche Erläuterungen auf franzkafka.de
6.1.11 02:31


 [eine Seite weiter]




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung