Tobias' Gedanken

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Cäsar, Norbert Elias und Sat1

Spätere Generationen werden vieleicht in der Uni lernen, was für ein goldenes Zeitalter die 80er Jahre des 20. Jh. gewesen sein müssen, wenn man dieses Zitat von Norbert Elias wiederentdeckt:

Verglichen mit der Antike ist die Identifizierung mit anderen Menschen, das Mit-Leiden mit ihrer Qual und ihrem Tod, gewachsen. Zuzusehen wie hungrige Löwen und Tiger Stück für Stück lebende Menschen auffressen, wie Gladiatoren sich mit List und Tücke gegenseitig zu verwunden und ermorden suchen, wäre kaum noch eine Freizeitbelustigung, der wir mit ebenso freudiger Erwartung entgegensehen würden wie die purpurgeschmückten römischen Senatoren und das römische Volk. Kein Gefühl der Gleichheit verband, wie es scheint, diese Zuschauer mit den anderen Menschen, die unten in der blutigen Arena um ihr Leben kämpften.
[Norbert Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, Frankfurt a.M., 1982/1986, 9.]


Wenn ich mir so das Nachmittagsprogramm diverser Privatsender ansehe befürchte ich, wir bewegen uns zurück.

Den im alten Rom alles entscheidenden Daumen (der übrigens damals nie genutzt wurde, weil er eine Erfindung späterer Zeiten war) hat man bei Britt zum Beispiel nur deshalb nicht eingeführt, weil er einen zusätzlichen Kameraschwenk auf das Publikum in entscheidenden Momenten erfordern würde.

Kollektive Buh-Rufe und höflicher Applaus, der mich immer an Asterix bei den Briten erinnert tun das ihrige.
29.7.11 16:38


Genforschung im Namen des "Warum nicht?"

"Die wohl frappierendste Schlagzeile der letzten Zeit lautete: 'Menschliche Samenzellen von Ratten'. Sie handelte davon, daß es einem in Japan forschenden griechischen Wissenschaftler nach eigenen ANgaben erstmals gelungen war, Ratten und Mäuse zur Produktion menschlicher Samenzellen anzuregen. Im Verlauf der Meldung heißt es: 'Der Wissenschaftler räumte indirekt ein, daß es noch nicht klar sei, wozu seine Entdeckung zu gebrauchen sein werde. Es bedürfe noch langer Forschungsarbeit, bevor fesrtstehe, ob das Sperma aus Nagerhoden tatsächlich zur Zeugung gesunder Menschen geeignet sei.'. Der Artikel schließt mit der Feststellung: 'Es entziehe sich dem Urteil der Wissenschaftler, wie die Gesellschaft auf derartige Experimente reagiere'. Immerhin räumt der beteiligt Wissenschaftler ein: 'Die Verwendung von Sperma aus Tieren würde sicher bei vielen Menschen emotionale Konflikte hervorrufen, mich eingeschlossen'."
[Christoph Fuchs und Stefan F. Winter, Menschenbild und Menschenwürde in der mediztinischen Forschung und Klinik, in: Eilert Herms (Hrsg.), Menschenbild und Menschenwürde, Gütersloh 2001, 34f.]

27.7.11 20:42


Generationenwechsel

Seit Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre war die Generation der damals knapp oder gut Dreißigjährigen in die Verantwortung eingerückt, eine Generation, die noch ganz anders als die Generation ihrer Väter - nämlich von klein auf - durch das persönliche Erleben des Nationalsozialismus geprägt war. Jene Vätergenerationen - soweit sie im Widerstand gegen die Diktatur gestanden hatte und von den Siegermächten mit der Neuordnung der Verhältnisse in Deutschland beauftragt worden war - hatte die Fundamente der deutschen Nachkriegsordnung durch einen - rückblickend manch einem restaurativ erscheinenden - Brückenschlag zu den 1933 abgebrochenen Traditionen gelegt. Demgegenüber machte der Reformimpuls, der ruckartig seit Beginn der 60er Jahe von der Generation der damals Dreißigjährigen ausging und sofort auf breiter Front spürbar wurde, deutolich, daß für sie das Gesetz und die Forderung der Gegenwart nicht mehr in erster Linie lautete: Besinnung auf das Bewährte und seine Neuaneignung, sondern zuerst und zuletzt: Modernisierung, frei von jeder Bevormundung durch die Autorität von überlieferten insitutionoellen und weltanschaulichen Vorgaben allein auf dem aufgeklärten Boden von Erfahrung und Vernunft, und zwar in jedem Streitfall wissenschaftlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Vernunft."
[Vorwort von Eilert Herms, in: ders. (Hrsg.) Menschenbild und Menschenwürde, Gütersloh 2001, 9f.]


Aus einem ganz anderen Kontext - aber: Umreißt das nicht ansatzweise den Diskussionskern von Frau Hermann bei Kerner?
27.7.11 19:39


Helm Stierlin - Über die Familie als Ort psychosomatischer Erkrankungen

"Beide Ehepartner konnten in der Tat schnell eingestehen, daß es ihnen unvorstellbar war, sie könnten alleine - ohne den anderen - überleben. Diese Vorstellung beschwor bei ihnen sofort massivst angstbesetzte Bilder von kindlicher Verlassenheit, von Ausgesetztsein, von Verlorenheit und Heimatlosigkeit herauf, die sie dann augenblicklich abwerteten, indem sie sich selbst und dem anderen bekräftigten: Wir halten immer zusammen, wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wir gehen niemals auseinander [...]

Beide teilten weiter die Grundannahme: Mir geht es nur gut, wenn es dem anderen gut geht. Darin kam ein von ihren Ursprungsfamilien gleichsam nahtlos übernommenes Familiencredo zum Ausdruck. Dieses Credo besagt, man müsse eigene Neigungen und Bedürfnisse, die den Partner belasten könnten, unterdrücken, vor allem aber alle soganennten egoistischen Bedürfnisse und aggressiven Neigungen. [...]

1. Kommt es nun fast zwangsläufig zu einem (verdeckten) Konkurrenzkampf darum, wer der mehr Gebende und daher der moralisch Höherwertige ist. [...]

2. Kommt es nun zu maximaler Nähe, bei gleichzeitiger maximaler Blockade des emotionalen und gedanklichen Austausches, eines Zustand, von dem sich leicht vorstellen läßt, daß er die Betroffenen sowohl psychisch als auch somatisch aufs Höchste belastet. Einerseits erleben sie sich auf Dauer untrennbar zusammengepfercht und damit angespannt und eingeengt, andererseits sind die Kanäle für emotionale bzw. vegetative Entladungen blockiert. [...]

Auch das dritte genannte 'psychosomatische Moment' - ein kompromißloses und starres Entweder-Oder-Denken - ließ sich bei den Partnern beobachten. Allerdings manifestierte es sich bei beiden in etwas unterschiedlichen Bereichen. Beim Ehemann zeigte es sich vor alem in der Radikalität, mit der er sich immer wieder für eine 'gerechte Sache', zuletzt die des Umweltschutzes, einsetzte. Da gab es für ihn nur ein Entweder-Oder, gab es für ihn nur Gegner oder Anhänger, nur den totalen einsatz oder das totale Versagen. Hier waren harte Auseinandersetzungen vorporgrammiert: Er fand/schaffte sich den Feind, den er brauchte, an dem er sich bewährte. Das ging jedoch nur so lange, als dem außerhäuslichen Kriegsschauplatz ein Szenarium absoluten häuslichen Friedens gegenüberstand. [...]
Auch bei ihr kam nunmehr ein Entweder-Oder-Denken ins Spiel, das dem seinen teilweise komplementär war. Es zeigte sich vor allem in der Grundvorstellung: Ich bin entweder besonders gut, bin Spitze - sei dies als Wissenschaftlerin, als Mutter, als Musikerin, als Sportlerin, als Partnerin meines Mannes -, oder ich bin nichts, bin ein totaler Versager, bin wertlos. Dieses Rezept führte dann auch zwangsläufig dazu, daß sie das Leben immer wieder als sinnlos, die Zukunft als düster erlebte und sich in ihr depressives Loch fallen ließ.

[...]

Im Rahmen des individuellen und familiären Lebenszyklus werden immer wieder neue Entwicklungs- und Individuationsschritte fällig. Es muß immer wieder eine neue, für alle Beteiligten akzpetable Balance von Nähe und Distanz, von Eigenständigkeit und Gemeinschaft, von gegenseitig bestätigten Rechten und Pflichten ausgehandelt werden. In dem notweindigen familienweiten Prozeß der Ko-Individuation und Ko-Evolution stellt dann die Ablösung heranwachsender Kinder eine besonders wichtige Phase und Herausforderung dar. Sie verlangt nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Eltern mehr Verselbständigung, mehr Umorientierung, mehr Besinnung darüber, ob und wie es in der Beziehung weitergehen kann."

[Helm Stierlin, Individuation und Familie, Frankfurt a.M. 1994, 67-72.]

22.7.11 16:57


Familienbande.

Pfingsten 1887 untersuchen drei Ärzte Theodor Storms "Magenkrebs" und nennen ihn -absichtlich falsch- lediglich eine ungefährliche Ausstülpung der Aorta.

Mückenberger nennt die Namen und Beziehungen. "der Hausarzt Dr. Brinken sowie Storms Bruder, der Arzt Dr. Aemil Storm, und ein Bekannter Aemil Storms, der junge Kieler Medizinprofessor Dr. Glaevecke" (232.)

Storm wiederum spricht in einem Brief an seinen Sohn Karl von "Onkel Aemil" -sinnig weil es sein Bruder und somit der Onkel des Sohnes ist- und "sein[em] kindlich liebeswürdige[m] u. eminent tüchtige[m] Schwiegersohn Glaevecke".

In einem Brief an Wilhelm Petersen (3. Dezember 1887) spricht er allerdings von "Dr. Glaevecke, meinem Neffen".

Himmel was verwurschtelt!

- Heiner Mückenberger, Theodor Storm - Dichter und Richter, Baden-Baden 2001.
21.7.11 17:54


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