Der große Graben - woran ich glaube
"Der Erwachsene ist in seinem Verhältnis zum Kind egozentrisch - nicht egoistisch, aber egozentrisch. Alles, was die Seele des Kindes angeht, beurteilt er nach seinen eigenen Maßstäben, und dies muss zu einem immer größeren Unverständnis führen. Von diesem Standpunkt aus erscheint ihm das Kind als ein leeres Wesen, das der Erwachsene mit etwas anzufüllen berufen ist, als ein träges und unfähiges Wesen, dem er jegliche Verrichtung abnehmen muss, als ein Wesen ohne innere Führung, das der Führung durch den Erwachsenen bedarf."
[Maria Montessori, Kinder sind anders (Il Segreto dell'Infanzia), Stuttgart 1952, S. 27]
"VATER: Aber da liegt ja das ganze Unglück! In den Worten! Wir haben alle eine Welt von Dingen in uns, jeder seine eigene Welt von Dingen. Aber wie wollen wir uns verstehen, Herr Direktor, wenn ich in meine Worte den Sinn und die Bedeutung der Dinge lege, so wie sie in mir sind, während derjenige, der sie hört, sie unvermeidlich mit dem Sinn und der Bedeutung erfüllt, die zu seiner Welt gehören! Wir glauben uns zu verstehen - wir verstehen uns nie!"
[Aus: Luigi Pirandello – Sechs Personen suchen einen Autor, Berlin 1997, 52. - ältere Übersetzung]
"Ihr sagt:
»Der Umgang mit Kindern ermüdet uns.«
Ihr habt recht.
Ihr sagt:
»Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen.
Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.«
Ihr irrt euch.
Nicht das ermüdet uns. Sondern – daß wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen.
Um nicht zu verletzen."
[Janusz Korczak, Wenn ich wieder klein bin (Kiedy znów będę mały, 1925), Göttingen 1973, 7.]