Es war einmal ein großer dicker Bär, der hatte schon seit Jahren zurückgezogen in einer Höhle gelebt. Und er verdankte es nur seiner Neugier und einem wunderbaren Zufall, dass er eines Tages auf einem der häufiger werdenden Spaziergänge ein kleines Mädchen kennenlernte, das sich nicht vor ihm fürchtete.
"Was tust Du denn hier im Wald, Bär?" hatte sie ihn gefragt. "Ich spaziere." hatte er gebrummelt. "Jetzt?" hatte sie erstaunt gefragt, denn es war beinahe Zeit für den Winterschlaf. "Man kann auch des Schlafens müde sein." hatte er mit perfektem Genitiv geantwortet. Da hatte sie entzückt mit den Wimpern geklimpert. Und einmal tief hach gemacht.
Und als einige Zeit vergangen war, da lud sie ihn zu sich ein und versprach ihm eine heiße Milch mit ganz viel Honig. Sie wohnte in einer klitzekleinen Hütte am Waldrand. Und beinahe hätte er nicht durch die Tür gepasst. Und so kam es dass er ein paar Haare am Türrahmen zurückließ. Von da an begann sie ihn zu kitzeln, zu streicheln und ihm das Fell zu zupfen, wann immer sie ihn sah.
Direkt hinter ihrem Häuschen, da wo der Wald endete und der Bär sich nun gar nicht mehr auskannte, besaß das kleine Mädchen einen großen Garten. In dem pflanzte sie alles, was so gerade wachsen wollte. Und in jedem Beet wuchs eine andere Sorte Blumen oder Gemüse - und dazwischen die verschiedensten kleinen Bäume. "Ich mache da keinen Unterschied." sagte sie. "Manche Blumen mag ich - und andere nicht. Aber zusammen sehen sie irgendwie aus wie das echte Leben." Und der Bär hatte sich ins Gras gelegt und eine lange Zeit den Garten betrachtet. Bis er ahnte was sie meinte.
Und er sah ihr zu, wenn sie mit ihren Fingern die Erde lockerte, in ihrer Schürze Beeren sammelte oder von einem nahen Bach in ihren Schuhen Wasser holte. Im heißen Sommer bat sie ihn sich mal hier und mal dort hin zu legen, damit mal das eine und mal das andere Beet in seinem Schatten lag. Und er liebte es wenn sie abends leise ihren Blumen Gutenachtlieder vorsummte.
Und wenn sie dann nachts unter den Sternen lagen erzählten sie sich gegenseitig alles, was ihnen gerade so einfiel. Sie erzählte wie sie sich ihre Holzhütte gebaut hatte. Und er erzählte dass er früher beim Zirkus gewesen war. Sie erzählte dass sie Eulen unheimlich fand. Und er gestand, dass er früher gerne kleine Mädchen erschreckt hatte. Sie brachte ihm bei mit den Ohren zu wackeln. Und er zeigte ihr wie man einen Baum zum Wackeln bringt. Und kurz bevor sie einschliefen fühlte er immer wie ihre Finger durch seinen Pelz kraulten wie durch frische Erde.
Ab und an da brachte er ihr eine Kastanie oder eine Sonnenblume mit, einen Maiskolben oder einen Apfel, einen Kürbiskern oder einen Wiesenpilz. Und sie pflanzte diese dann sorgsam in immer neue Beete ein. An ihrem Geburtstag hatte er ihr sogar einen Löwenzahn gepflückt und durch den ganzen Wald getragen. Ganz vorsichtig in den Mundwinkel geklemmt. Und langsam war er gelaufen. Damit er unterwegs bloß nicht nicht zu schnaufen anfing.
Eines Tages aber - man weiß nicht wieso (hatte er zu kurz oder gar zu lang geschlafen? Hatte er einen anderen Weg zu ihr genommen und länger gebraucht als sonst? Hatte er vielleicht einfach einen besonders gemeinen Bärenfloh im Pelz?) geschah etwas ungewöhnliches.
Als sie ihm ihren Garten zeigte entdeckte er einige neue Gewächse. Und sie saßen an ganz ungewöhnlichen Stellen. Da war zum Beispiel ein Rettich mitten im Rosenbeet. Eine Sonnenblume mitten in den Erdbeeren. Und ein Strauß Vergißmeinnicht mitten im Salat.
Da stupste der Bär mit seiner Tatze die fremden Gewächse an "Das ist ja einfach unordentlich!" brummte er. Und hatte damit nicht ganz unrecht. Denn so unordentlich das kleine Mädchen seine Beete im Garten auch verteilt hatte - in ihnen herrschte sonst immer eine große Ordnung.
Und weil er dabei immer neue Störenfriede entdeckte wurden seine Bewegungen immer schneller und er begann zu fuchteln. Und er trampelte wie ein trotteliger Troll, raste wie ein riesiger Riese und hüpfte wie ein hitziger Heinzelmann.
Und wenige Momente zu spät bemerkte er, was er da getan hatte:
Der Garten war nicht mehr wie vorher. Ein ganzes frisch bepflanztes Beet war ein einziges Durcheinander. Stengel und Stiele, Blüten und Blätter - alles lag geknickt und gedrückt auf der festgetretenen Erde. Und das kleine Mädchen war in seine Hütte verschwunden.
Da setzte der dicke Bär sich hin und seufzte. "Was habe ich bloß angestellt?" schniefte er. "Als ich ein kleiner Bär war, da habe ich Geschichten gelesen, in denen sich Dampfwalzen in Gänseblümchen verliebten. Und vor noch gar nicht so langer Zeit bin ich auf einem Hochseil Fahrrad gefahren. Erst gestern noch habe ich beim Picknick mit chinesichem Service keine einzige Tasse kaputt gemacht. Und heute zertrete ich Blumen. Fragen hätte ich müssen. Anstatt es besser zu wissen."
Und als er genau hinsah, bemerkte er, dass die Blumen im Beet ihre Farben verloren. Und da erschien ihm auch der Rest des Gartens ein wenig trüber, trauriger und trostloser. Hilflos schob er ein paar umgeknickte Halme mit der dicken Pfote unbeholfen hin und her. "Da haben wir den Salat." stellte er fest. Und mittendrin lagen ein paar kleine blaume Blümelein. Die zog er ein wenig mutlos an sich heran. Und als er sie zwischen seinen Pfoten hielt fiel ihm eine dicke Bärenträne mittendrauf.
"Wenn ich nur wüßte, was man als Gärtner alles wissen muß..." grübelte er. "Und wenn ich wüßte, wie das Beet hier aussehen müßte, damit es ihr wieder gefällt..." Er versank in dumpfes Brüten. "Und wenn ich wüßte, ob sie jetzt immer ein wenig Angst vor mir haben wird."
Und diesen Gedanken mochte der Bär überhaupt nicht. Und eine zweite und eine dritte Bärenträne tropften auf die blauen Blümchen.
Mag es nun ein Wunder gewesen sein - oder doch eine gute Fee - und vielleicht sind auch Bärentränen ganz besonderes Wasser, weil sie so selten sind - aber genau in dem Moment befand sich eine große flauschige Wolke über dem Garten, die alles mitbekommen hatte. Eigentlich hatte sie in den Norden ziehen wollen, wo Wolken an Berghängen Urlaub machen. Aber nun war sie so gerührt, dass sie leise anfing mitzuweinen.
Und tatsächlich sah der Bär auf einmal, wie ein einziges kleines Blümchen ganz langsam den Kopf hob. Es sah fast aus als sähe es ihn an. Und für einen ganz kurzen Moment glaubte er ein leises Stimmchen zu hören, dass zu ihm sprach. Nur für einen kurzen Moment.
Verwundert schüttelte er den Kopf und stupse sich selber die Nase. "Ich bin ein alter dummer Bär" sagte er. "Aber das ändert nichts daran, was ich eigentlich fühle." Und so zog er vorsichtig alle abgeknickten Blümchen vom Beet und ließ nur das eine stehen.
Und dann zog er mit einer Kralle ein wackliges und zackeliges Herzchen um die Blume. Weil er das kleine Mädchen nämlich eigentlich sehr lieb hatte. Und ihm gar nicht solch einen Schrecken einjagen wollte. "Ein Bärenschreck sitzt in den Knochen. Das braucht ein wenig Zeit." versuchte er sich selber zu erklären. Und wußte auch eigentlich ganz gut wovon er sprach. Denn genau darum haben Bären keinen Rasierspiegel.
Und das alles machte ihn furchtbar unsicher. Bis er dann doch noch eine Idee hatte. Und ganz vorsichtig und leise rieb er seinen Rücken einmal an der Holztür und hinterließ ein paar Bärenhaare. Als Gruß, sozusagen.
Und dann spazierte er vorsichtig auf Pfotenspitzen ein Stück in den Wald hinein und schlich dann zu seiner Höhle.
"'Konstruktivismus' ist eine philosophische Richtung, zu deren wichtigsten Vertretern Ernst von Foerster und Heinz von Glasersfeld gehören. Ihr Anliegen ist der Entwurf einer Erkenntnistheorie, die Sinn, Objektivität und Wahrheit als Entwürfe der Subjekte befreift: 'Objektivität ist die Selbsttäuschung des Subjekts, Beobachtung sei ohne es möglich. Die Anrufung der Objektivität ist gleichbedeutend mit der Abschaffung der Verantwortlichkeit; darin liegt ihre Popularität begründet' (Heinz von Foerster). [...]
Der Konstruktivismus versteht sich als eine Theorie des Wissens und nicht als eine Theorie des Seins. Er beschäftigt sich also zunächst mit Bewußtseinsinhalten und ihren begrifflichen und sprachlichen Entsprechungen, ohne vorschnell auf eine objektive Struktur des Seins zu schließen. [...]
Der Konstruktivismus stellt den einzelnen und seine Kompetenz und Autorität in den Mittelpunkt. Jeder ist für sich der Konstrukteur seiner Welt oder seiner Welten und trägt Veranwortung dafür, auch deshalb, weil die eigenen Entwürfe Konsequenzen für andere haben können. Konstruktivistisches Denken erweist sich damit als Feind jeder Form allein machtorientierter Autorität, die die Zustimmungsproblematik - d.h. die Tatsache, daß sich jeder zu dem, was ihm als verbindlich vorgestellt wird, noch einmal selbst ablehnend oder zustimmend verhalten kann - mit Hilfe von scheinbar nicht hintergehbaren Normierungen, Zwängen jeder Art und Denkverboten in Form von Dogmatismus zu umgehen sucht."
[Matthias Wörther, Vom Reichtum der Medien. Theologische Überlegungen. Praktische Forderungen, Würzburg 1993, 97-99]
Nach der Arbeitsphase angesichts von sechs freien Tagen innerlich eingestürzt. Abgesoffen. Liegen geblieben. Und wiederbelebt.
Heute dann nach schimpfender Vermieterin mit Horst-Schlemmer-Dialekt und Hochdruckreiniger vor dem Fenster und Alptraumdrückenmorgen den Budenkoller bekommen und das notwendige Einkaufen gleich mit dem Wäschewaschen verknüpft.
Und auf dem Rückweg tatsächlich noch Karl Konrad Koreander besucht... Wunderbar - demnächst darf ich da Fotos machen