ich habe mich zwar gerade telefonisch beraten lassen, möchte meine Anfrage jedoch nocheinmal schriftlich nachreichen und um eine Anregung erweitern.
Als Kunde fand ich das Angebot eines Händlers, der seine Bücher für 1 Cent plus 3 Euro Versand anbietet - erst in seiner "Verkäuferinformation" unter dem Reiter "Versandhinweise" findet sich die Klausel, dass die Versandkosten grundsätzlich pro Artikel anfallen. Da mich tatsächlich 150 Bücher interessierten und ich das als Student zuerst sehr verführerisch fand, habe ich nachgefragt, ob sich der Versandpreis dann verringert - und er verwies auf die 2 Euro Bearbeitungsgebühr, die er Amazon zahlen müsse sowie auf das Angebot "Kauf fünf, bezahl vier".
Als Kunde stört mich folgendes:
1) Ich werde mit einem ungemein reizvollen Preis gelockt, der in keinerlei Verhältnis zu dem Realpreis steht. In meinem Fall überschlug ich 150 Bücher zu 1,50 Euro. Nun bin ich Realist genug um einen deutlich höheren Versandpreis anzunehmen - diesen aber eher im zweistelligen Bereich. Effektiv errechnen sich 451,50 Euro, bzw. durch das Sparangebot 346,50.
2) In der von amazon bereitgestellten Maske wird der Preis des Einzelbuches als "0,01 EUR" (dies rot und groß gedruckt) plus "3,00 EUR Versand" (dies klein und grau-blass) angegeben. Ich zahle jedoch eben nicht nur den Versand mit den 3 Euro (dann wäre ja ein Anpassen bei Paketversand mehrerer Bücher zu erwarten) sondern auch Amazongebühren mit. Das erweckt ebenfalls einen falschen Eindruck.
3) Für mich als Kunden, wie auch für diejenigen Buchverkäufer, die sich bemühen ehrliche Angebote zu machen, ergibt sich ein weiterer Nachteil. Das Buch für 1 Cent erscheint ganz oben, ein für beispielsweise 2 Euro angebotenes, bei dem ich effektiv den selben Preis zahle, aber von vorne herein realistisch kalkulieren kann. Für den ehrlichen Buchhändler verschlechtert sich seine Positionierung in der Übersicht, für mich als Kunden ist ein wirklicher Vergleich der Preise nicht möglich.
Verstehen Sie mich nicht falsch, in diesem Fall wollte ich mir Bücher kaufen, die ich zwischendurch (in der Bahn, in Freistunden an der Uni) lesen und danach meiner Stadtteilbücherei für deren Flohmarkt schenke. Es handelt sich um gebrauchte Exemplare, die vermutlich schwer genug zu verkaufen sind. Der Verzicht auf den Kauf ist leicht zu verschmerzen. Aber die eklatante Differenz zwischen scheinbarem Angebot und tatsächlichem Preis verärgert mich.
Zum Vergleich: Ich finanziere mein Studium in einem Kino. Wenn wir dort die Filme an der Kasse für einen Euro anbieten und verkaufen würden, um die Kundschaft von anderen Konkurrenten wegzulocken, und dann aber am Kinosaal nochmal zehn Euro verlangen und sagen, dass wir davon jedem Kunden einzeln die Tür auf und zumachen - dann wäre das den Kunden kaum plausibel zu machen, auch wenn wir als Kino keinen Gewinn machen und nur laufende Kosten decken würden. - Im Internet geht aber genau das.
Daher zu guter Letzt die Anregung: Können Sie nicht daran arbeiten die Preisstaffelung durchsichtiger zu machen? Vermutlich wollen Sie nicht angeben, wieviel Sie daran verdienen, das verstehe ich schon - aber dann legen Sie doch wenigstens fest, dass der Verkäufer sämtliche ihm anfallenden Kosten auf den Artikelpreis anzurechen hat und nicht im Versand verstecken kann. Denn auch der Ganz zur Post und die Gebühren die an Amazon gezahlt werden beeinflußen ja letztendlich das, was man landläufig als "Wert" des Buches bezeichnet - vermutlich ein Irrtum, aber kapitalistisches Erbe.
Mit einer solchen -wie auch immer im Detail gearteteten- Änderung wäre amazon dann wieder ein Stück vertrauenswürdiger geworden - denn zur Zeit assoziere ich vor allem eines: Ein großes Angebot mit kalkulierter Unübersichtlichkeit und dem Verdacht, dass es amazon egal ist, von wem ich kaufe und wie zufrieden ich bin. Weil ich nur einer von Millionen bin. Und der Rest ja eh kauft.
Mit vielem Dank für die entstandenen Mühen Ihr Tobias Kölling
Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen/ Der liebliche corall der lippen wird verbleichen; Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand/
Der augen süsser blitz/ die kräffte deiner hand/ Für welchen solches fällt/ die werden zeitlich weichen/ Das haar/ das itzund kan des goldes glantz erreichen/ Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.
Der wohlgesetzte fuß/ die lieblichen gebärden/ Die werden theils zu staub/ theils nichts und nichtig werden/ Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.
Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen/ Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen/ Dieweil es die natur aus diamant gemacht.
[Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau]
Die Pointe sei hier vorweggenommen, es gibt einen wunderbaren Hinweis von Norbert Elias über die Deutung des Gedichts:
Im Kreise des Dichters wird man über die Pointe des Gedichtes geschmunzelt haben, dem gegenwärtigen Leser entgeht sie allzu leicht. Hofmannswaldau sagt der spröden Schönen, daß ihre ganze Schönheit im Grabe vergehen wird, ihre Korallenlippen, ihre schneeweißen Schultern, ihre blitzenden Augen, ihr ganzer Körper wird zerfallen - bis auf das Herz, das offenbar steinhart ist wie ein Diamant, da sie ihn ja nicht erhören will. Auf der Palette zeitgenössischer Empfindungen - und Gedichte - gibt es kaum eine Parallele zu dieser Mischung von Grabeston und Schelmerei, detaillierter Beschreibung des menschlichen Zerfalls als Schachzug in einem Flirt." [Norbert Elias, Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen, Frankfurt a.M., 1982, 36.]
Dank des Internets hat man nun die Möglichkeit in einige engagierte Schülerinterpretationen hineinzulesen. Und die oben erklärte Pointe wird häufig nicht wahrgenommen. Exemplarisch zwei Beispiele: "Einzig das Herz geht nicht unter, denn es ist aus Diamant gemacht, wie es in den beiden letzten Zeilen des Sonetts, die stets die zentrale Aussage beinhalten, heißt. Das Herz und der Diamant, mit dem es verglichen wird, stehen hier für die unberührbare und zeitlose Ewigkeit. Auch viele Indianervölker sagen, das Herz sei das Unbefleckte, Unberührbare. Sie haben das Herz an Stelle einer unsterblichen Seele." Interpretation von Sven Richter, Adolf Weber Gymnasium, München
"Das einzige, das laut Christian Hofmann von Hofmannswaldau „zu aller Zeit bestehen“ (V.13) kann, das ist das „hertze“, welches hier symbolisch für die Seele steht. Durch den Begriff „diamant“ (V. 14) wird darauf verwiesen, dass die Seele das einzige natürliche Produkt des Menschen ist, welches auch nach dem Tod weiterhin existieren kann." Interpretation von Anja Maria Steffens, Deutsch-Leistungskurs (Klasse 12)
Ähnlich auf Plattformen, die Schülern helfen sollen: "Doch bei genauerem Lesen erkennt man, dass bei Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau nicht alles wirklich vergeht, es verändert nur seine Form oder Farbe (Die Lippen werden bleich, der Fuß zu Staub). Das zeigt, das es noch Hoffnung auf ein weiteres Leben gibt. Dies bestätigt Hoffmannswaldau in den letzten 2 Zeilen, in denen er sagt, dass das Herz, die Seele, für immer und ewig bestehen wird, da es aus etwas Unvergänglichem gemacht wurde, Diamant. Hier kommt der Glaube an die Auferstehung zum Vorschein, der Körper vergeht, aber die Seele bleibt bestehen, auch ein typisch barockes Denken." Interpretation auf schulzeux.de
Überall trifft man auf die mindestens zu kurz gegriffene Deutung des Herzens als "Seele", auch in Veröffentlichungen die direkt mit dem Zentralabitur verknüpft scheinen: "Diese Aussage hat auch eine im Einklang mit der Natur inne wohnende Dimension. Denn das Herz, also die Seele und damit das eigentliche Wesen des Menschen ist im Vergleich zu seinem Körper von der „Natur aus Diamant gemacht“ (vgl. V. 14) wurden. In diesem Sinne vertritt Hoffmannswaldau eine pantheistische Weltansicht, die darauf abzielt, dass die Natur, da Mensch und Gott eine Einheit bilden. Folglich hat das vorliegende Gedicht auch eine religiöse Dimension. Fraglich bleibt jedoch, ob das Herz des Menschen wirklich eine transzendente Funktion hat, denn immerhin ist das Herz auch ein Körperorgan. Daran anknüpfend erscheint Hoffmannswaldau sehr obsolet im Hinblick auf die modernen Naturwissenschaften." Interpretation für eine Abiturprüfung LK Deutsch 2007
"Am Ende jedoch gibt das lyrische Ich mit dem Wort „hertze“, das „zu aller Zeit bestehen“ (V. 13) könne, wieder Hoffnung. Das Herz – möglicherweise ist hier der Glaube an Gott gemeint – sei viel wichtiger als alle Schönheit. Die Beschaffenheit des Herzens, es ist aus „diamant“ (V. 14), kennzeichnet anschaulich dessen Dauerhaftigkeit und Festigkeit. Trotz seiner, aufgrund von Kriegserfahrungen für den Barock typischen, negativen Denkweise, die die Vergänglichkeit des Seins in den Vordergrund stellt, hofft das lyrische Ich auf die von Herzen kommende Liebe, auf die Festigkeit des Herzens und des Glaubens." Informationszeitschrift "Deutsch in der Oberstufe" des Städtischen Gymnasiums Olpe"
Wunderbar erfrischend ist da der Bericht über eine Untersuchung zweier ähnlicher Schülerinterpretationen und des aktuellen Punktesystems durch eine Seminar an der Uni Jena. Nach lesenswertem Bericht findet sich gegen Ende: "Dieser Katalog lässt vermuten, dass das Gedicht von den Lehrern, welche diesen Katalog erstellt hatten, nicht vollends verstanden wurde. Denn er bewegte sich auf einer sehr oberflächlichen Interpretationsebene und berücksichtigte in keiner Weise die tiefere Bedeutung, die dem Gedicht innewohnt. So wurde beispielsweise in diesem Katalog von den Schülern erwartet, dass sie das epochenspezifische Frauenbild (Vorrang der inneren Werte vor den äußeren) analysieren und herausarbeiten sollten. Da dieses Gedicht jedoch eine stilisierte Frau darstellt, die in diesem Moment nur auf ihr Äußeres reduziert wird, ist es nicht möglich, dass die Schüler diese Erwartung erfüllen können. Des Weiteren wurde auch nicht in vollem Umfang auf die Pointe des Gedichts eingegangen. Daraus ergaben sich für die Lehrer, welche die Aufsätze zu kontrollieren hatten, zwei Probleme. Einerseits lässt sich vermuten, dass sie selber Verständnisprobleme hatten und andererseits waren sie durch den Katalog in ihrer Bewertung stark eingeschränkt, auch wenn sie das Gedicht in vollem Umfang verstanden hatten." Auseinandersetzung der Uni Jena mit zwei Interpretationen Und dass das alles auch für den Lehrer nicht so einfach ist, belegt die Auseinandersetzung in den lehrerforen.de.
Die Frage bleibt aber: Gehen wir nicht einer Schulform entgegen, in der individuelle Texte nach einem Schema bearbeitet werden - und vergessen dabei die eigentlichen Bedeutungen der Texte? Deuten wir nicht tendenziell eher hinein als heraus - und müssten wir nicht gerade an der Schule die Fähigkeit lehren, genau das nicht zu tun? - Ist das nicht alles um so eher der Fall, je mehr man sich bemüht alles an strenge Regeln im Namen der Gleichmachung zu koppeln?
25. Juni: Abfahrt von Grube 9 Uhr Morgens, in Hamburg 6 Uhr etwa. Das Überfahren eines Pferdes bei Lübeck ohne Entgleisung. [...] 15. Oktober: Am Morgen starker Schneefall. Noch nie so früh erlebt. [...] 7. Dezember: Sonntag 4. Dezember befiel mich etwas, wie Nierenstein-Kolik, behielt bis jetzt eine arbeitsunfähig machende Schwäche - Heut ging ein Nierenstein ab, etwas größer, als früher. [...] 13./14. Dezember: Bei Eckermann's in Heide zum Klub. Sehr behaglich. Gute Weihnachtseinkäufe. [Theodor Storm, Braunes Taschenbuch. 1887, zit. in: - Theodor Storm, Sämtliche Werke in vier Bänden, Herausgegeben von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier, Frankfurt a.M. 1988, 555-559.]
Wenn man das Datum nicht wüßte könnte man fast meinen, es wäre frisch gebloggt.